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“Francis Bacon. Unsichtbare Räume”

Francis Bacon. Unsichtbare Räume
Staatsgalerie Stuttgart
07. Oktober 2016 bis 08. Januar 2017

nur nicht aus dem Rahmen fallen: das Plakat für die Bacon-Ausstellung vor der Staatsgalerie Stuttgart
nur nicht aus dem Rahmen fallen: das Plakat für die Bacon-Ausstellung vor der Staatsgalerie Stuttgart

„Wow, was für Bilder!“ – so mein erster Gedanke beim Betreten der Sonderausstellung „Francis Bacon. Unsichtbare Räume“ in der Staatsgalerie Stuttgart. Vom ersten Augenblick an werde ich direkt in die 40 meist großformatigen Gemälde hineingezogen. Sie machen aus mir unverzüglich eine Art Voyeur, der Bacons Figuren wie Tiere im Käfig oder Kämpfer im Ring beobachtet. Ich schau auf Leidende, meist Nackte mit geschundenen Körpern und verzerrten Gesichtern, einsam oder eng umschlungen zu zweit. Ganz nah und intensiv.
Und genau das hat Francis Bacon wohl auch so gewollt: nur allzu akribisch plante er den Aufbau seiner Bilder inklusive der Platzierung seiner Protagonisten im Bildraum. Oft sind das Menschen aus Bacons Alltag: Bekannte, Freunde oder Liebhaber. Hat er sie überhaupt gemocht? Oder gar geliebt? Wieviel Leid haben sie ihm gebracht? Manchmal malt Bacon auch sich selber. Wäre er gerne ein Anderer gewesen? Was dachte und/oder fühlte Bacon beim Malen seiner Bilder? All das sind Fragen, die mir beim Anschauen der Bilder spontan durch den Kopf gehen.
Ein paar Antworten und Hintergrundinformationen erhalte ich in dem die Ausstellung begleitenden Film – ein wirklich sehenswertes filmisches Portrait des großartigen irischen Malers in Form eines Interviews.
Zudem sieht man einige Fotos aus Bacons Londoner Atelier und Wohnung in der Reece Mews Nr. 7, South Kensington – Chaos pur und alles andere als „akribisch“! Das Atelier wurde übrigens im Jahre 1988 – also bereits 4 Jahre vor Bacons Tod – abgebaut, nach Dublin transportiert und in der Dublin City Gallery The Hugh Lane durch ein Team von Restauratoren, Archäologen und Kuratoren wieder aufgebaut. Hört sich doch nach einem „Must“ für die nächste Dublin-Städtetour an, oder? -AEK.

“Balle Balle Knalle”

Dieter Roth Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart
Dieter Roth Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart

“Balle Balle Knalle”
Dieter Roth

Kunstmuseum Stuttgart
13. Dezember 2014 bis 12. April 2015

„Balle Balle Knalle“ – schon der Ausstellungstitel lässt erahnen, dass es sich um keine typische Ausstellung Bildender Kunst handelt, sondern um ein beachtliches Sammelsurium eher unkonventioneller Werke des Aktions- und Objektkünstlers Dieter Roth mit dem Schwerpunkt „Sprache“. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt ca. 160 Exponate aus unterschiedlichen Schaffensperioden Roths, die Zeugnis davon sind, dass für ihn als Künstler Bild und Text untrennbar sind, dass sich Kunst und Literatur somit stetig beeinflussen. Neben zahlreichen Schriftstücken inklusive einer „Literaturwurst“ – produziert aus Papier statt Fleisch – findet man in Stuttgart aber auch einige der für Roth typischen Eat-Art-Objekte aus verderblichen organischen Materialien wie z.B. Schokolade. Und kommt man zur rechten Zeit, so kann man in einem ca. 45 minütigen Film auch Roths „Große Tischruine“ bestaunen – eine aufwändige Installation, für die der Künstler von 1978 bis 1998 seinen Alltagsmüll zu einem riesigen Monstrum anwachsen ließ (Di – So, 14 Uhr).

Übrigens: Unbedingt lohnenswert ist natürlich auch ein Besuch der Sammlung des Stuttgarter Kunstmuseums! Mein persönliches Highlight: die Abteilung „Konkrete Kunst“ mit Werken von Josef Albers und Max Bill. -AEK

“Weissenhofsiedlung“

Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier
Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier

“Weissenhofsiedlung Stuttgart“
Weissenhofmuseum, Stuttgart
Dauerausstellung

Ein Muss für alle Fans moderner Architektur: Ein Besuch der Weissenhofsiedlung in Stuttgart!

Erbaut wurde diese Mustersiedlung im Jahr 1927 im Auftrag des Deutschen Werkbundes für die Ausstellung „Die Wohnung“ als potentielle Lösung zur Bekämpfung der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg. Das Konzept: Führende Vertreter des Neuen Bauens bauen unter der Leitung des Architekten Ludwig Mies van der Rohe Wohngebäude unterschiedlicher Größe. Das Ergebnis nach einer extrem kurzen Bauzeit von ca. 5 Monaten: 21 individuelle Häuser mit mehr als 63 lichtdurchfluteten Wohnungen zum Teil aus damals noch als „experimentell“ geltenden Materialen wie z.B. Stahl oder Linoleum.

Heute – fast 100 Jahre später – sind noch 11 dieser architektonischen Kunstwerke in einem recht gut restaurierten Zustand von außen(!) zu begutachten. Von innen besichtigt werden kann allein das Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret – es beherbergt seit 2006 das Weissenhofmuseum. In der linken Haushälfte werden zahlreiche Informationen zur Entstehung und Geschichte der Weissenhofsiedlung vermittelt, die rechte Hälfte beherbergt eine nach Originalplänen rekonstruierte Musterwohnung.

Hier nochmals alle vertretenen Architekten: Peter Behrens, Victor Bourgeois, Richard Döcker, Josef Frank, Walter Gropius, Ludwig Hilberseimer, Pierre Jeanneret, Le Corbusier, Jacobus Johannes Pieter Oud, Hans Poelzig, Adolf Rading, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Scharoun, Adolf Gustav Schneck, Mart Stam, Bruno Traut, Max Taut

Natürlich ist es möglich, sowohl die Siedlung als auch das Museum auf eigene Faust zu besichtigen. Empfehlenswert aus meiner Sicht ist aber hier auf jeden Fall die Teilnahme an einer professionellen Führung. In der kleinen Runde (45 Minuten) erfährt man allein im Museum bequem alles Wissenswerte rund um das Weissenhof-Projekt; die größere Variante (90 Minuten) ermöglicht zudem noch einen individuell erklärten Rundgang durch die Siedlung. Großes Lob an meine „Fremdenführerin“ vom 31.03.2015: Alle Teilnehmer meiner Gruppe konnten jederzeit Fragen rund um die Themen „Weissenhofsiedlung – Architektur – Stuttgart“ stellen – wir erhielten immer eine kompetente, auch für Laien gut verständliche Antwort! -AEK

“Visionen einer neuen Welt”

Postkarte mit dem Gemälde "Bauhaustreppe" und Ausstellungsflyer zu Oskar Schlemmer
Postkarte mit dem Gemälde „Bauhaustreppe“ und Ausstellungsflyer zu Oskar Schlemmer

“Visionen einer neuen Welt”
Oskar Schlemmer

Staatsgalerie Stuttgart
26. November 2014 bis 06. April 2015 (verlängert bis zum 19. April 2015)

Die Große Landes-Ausstellung Baden-Württemberg 2014 „Oskar Schlemmer: Visionen einer neuen Welt“ ist die erste Retrospektive des 1888 in Stuttgart geborenen Bauhaus-Künstlers nach fast 40 Jahren! Ermöglicht wird dieser eigentlich schon längst fällige Überblick auf das mehr als 30 Jahre umfassende Werk Schlemmers durch eine eher banale Tatsache: Im Jahre 2014 liefen die Nutzungsrechte für Schlemmer-Arbeiten aus, aufgrund dessen seine Erben bislang nahezu jegliche Art der Publikation untersagten.

Das in der Staatsgalerie Stuttgart dargebotene Lebenswerk Oskar Schlemmers zeugt von einer äußerst gelungenen Symbiose der Genres Bildende Kunst und Theater. Zu sehen sind nicht nur bedeutende Gemälde, Skulpturen und Grafiken des Künstlers – so z.B. das berühmte Treppenbild mit den Bauhausstudentinnen aus der Dessauer Webereiklasse – sondern auch zahlreiche Skizzen und sieben im Original erhaltene Kostüme für Schlemmers legendäres „Triadisches Ballett“. Im Mittelpunkt all dieser Arbeiten: der Mensch – von Schlemmer perfekt reduziert auf idealisierte Körper vornehmlich bestehend aus geometrischen Formen.

In Stuttgart erhält man jedoch auch einen Eindruck von Schlemmers letzter Schaffensphase als von den Nazis verfemter Künstler: Zu sehen sind Schlemmers Entwürfe des „Lackkabinetts“ für die Wuppertaler Lackfabrik Herberts – ein vollständig mit Farblackaufstrichen ausgestatteter Raum gedacht als „begehbarer Musterkoffer“.

Ein kleiner Wehrmutstropfen: Bedingt durch den Erfolg der Ausstellung gelingt auch an einem Wochentag oft nur ein begrenzter Blick auf all die wundervollen Exponate. Zur Ausstellung erscheint jedoch ein reich bebilderte Katalog, mit dessen Hilfe man das Gesehene noch einmal in Ruhe zu Hause Revue passieren lassen kann! (Mein Tipp: Katalog unbedingt im Museum für einen Preis von € 29,90 mitnehmen – der spätere Buchhandelspreis beträgt € 49,90!) -AEK