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„MichaeI Wolf – Life in Cities“

MichaeI Wolf – Life in Cities
17.November 2018 – 3.März 2019
Deichtorhallen – Haus der Photographie, Hamburg

Freie Hängung: Hongkonger Hochhäuser schweben in den Hamburger Deichtorhallen. Ausstellungsansicht der Schau "Michale Wolf - Life in Cities"
Freie Hängung: Hongkonger Hochhäuser schweben in den Hamburger Deichtorhallen. Ausstellungsansicht der Schau „Michale Wolf – Life in Cities“

Michael Wolf ist ein Fotograf der verdichteten Urbanität. Da, wo Millionen Menschen auf engstem Raum miteinander, nebeneinander leben, findet er seine Motive, seine Motivserien. Und seine Wahlheimat Hongkong bietet sich da geradezu an als Inspirations- und Dokumentationsquelle, als Fundgrube für Motive. Aber auch Tokio, Chicago oder Paris nutzt Wolf, um Bevölkerungsverdichtung und Massenkonsum, um Privatsphäre und ihr stetes Fehlen ebenso wie das klassische, jeder Fotografie innewohnende Sujet des Voyeurismus zu beleuchten.

Und die Bilder sind wirklich atemberaubend. Angefangen mit einer seiner ersten Serien, die das Leben in einer Ruhrgebiets-Siedlung in Bottrop zeigt und noch stark dokumentarisch geprägt ist, geht es rasch in die weite Welt. Die Portraits von Fahrgästen der U-Bahn in Tokio, die in der Rush Hour ihre Gesichter an die feuchten Scheiben pressen, lassen den Besucher die Enge fast körperlich miterleben und strahlen gleichzeitig eine fast obszöne Ästhetik aus. 100 Portraits von Bewohnern eines typischen Hongkonger Hochhaus-Komplexes, die sich in ihren 9 Quadratmeter großen Wohnungen präsentieren, aufgenommen mit großem Weitwinkel, nehmen das Thema der Enge, der Lebensbedingungen in Megacities ebenfalls auf. Und die Präsentation dieser Fotografien verstärkt das Erlebnis noch: Im Museum ist eine solche – allerdings leere – Wohnung aus Sperrholz nachgebaut; die Portraits sind sorgfältig in Serie an dreien der Holzwände aufgereiht. Und wir stehen in dieser abstrakten Holzwohnung, sehen um uns herum die vielen Bewohner, stehen anderen Besuchern fast auf den Füßen, mindestens aber im Weg und erleben auch hier Verdichtung, diesmal noch realer. Das sitzt.

Dann die Hochhausbilder aus Hongkong. Wolf lässt Himmel und Erde weg, beschränkt sich bei den großformatigen Fotografien auf reine Hausfassaden und schafft so etwas wunderbares: Die Bilder wirken abstrakt und in ihrer abgebildeten Serialität ungeheuer ästhetisch. Das sind Kunstwerke, in denen man sich schnell verlieren kann. Und während man das tut, wird parallel klar, dass es sich ja auch hier um Wohnhäuser handelt. Hier wohnen Menschen, tausende, zehntausende. Wie leben diese Menschen? Würde ich so leben wollen? Und doch, diese brutalistische Architektur ist …schön.

Und auch die anderen gezeigten Werkserien Wolfs haben diese unglaubliche Ausstrahlung. Die Skyscraper Chicagos, die ganz im Gegensatz zur Hongkonger Betonarchitektur durch ihre Transparenz tiefe voyeuristische Einblicke erlauben, noch verstärkt durch ausgeschnittene Details, die in ihrer vielfachen Vergrößerung verpixelte, vermeintlich unbeobachtete Menschen in ihrem Alltag zeigen. Oder die Pariser Dächer, die die täglich millionenfach fotografierte Stadt in ganz anderer, abstrakter Schönheit abbilden. Und schließlich, im Zentrum der Ausstellung, die riesenhafte Wandinstallation „The Real Toy Story (2004–2018)“. 20.000 Plastikspielzeuge aus China, greifbar gemachte industrielle Massenproduktion in ungeheurem Ausmaß, rahmen sensible Portraits der Arbeiterinnen und Arbeiter, die diese Spielzeuge herstellen, ein.

Was soll ich noch sagen? Das ist mal wirklich eine rundum überzeugende Ausstellung. Und auch der Katalog überzeugt mit Umfang und toller Qualität. Also: Alles zusammen kurz vor Jahresende für mich ein absolutes Highlight. Hingehen – ansehen! -MM

„Now and Then“

Now and Then
Sarah Moon
27.11.2015 – 21.02.2016
Deichtorhallen Hamburg
Haus der Photographie

Halle vor dem Spiegel: Sarah Moon stellt im Haus der Fotografie aus
Halle vor dem Spiegel: Sarah Moon stellt im Haus der Fotografie aus

Das Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen zeigt weltweit erstmals das Gesamtwerk von Sarah Moon. Seit 1968 arbeitet sie als Fotografin, machte viele Mode- und Werbefotos und dann immer mehr freie künstlerische Arbeiten. Der eigenwillige fotografische Stil von Sarah Moon wirkt auf bestimmte Art „zeitlos mystisch“. Die Bilder sind oft unscharf, die Farben – so vorhanden – blass. So manche Fotografie erinnert von der Anmutung her fast an Pastellmalerei. Zudem fokussiert die Hamburger Ausstellung auf Moons filmisches Werk. Sie drehte diverse Kurzfilme (in denen sie zum Beispiel immer wieder Märchenmotive aufnimmt) sowie den Spielfilm „Mississippi One“. Alles in allem? Eigenwillig. -MM