Archiv für den Monat: Juni 2017

„Signal – Lichtkunst aus der Sammlung Robert Simon“

Signal – Lichtkunst aus der Sammlung Robert Simon
Kunstmuseum Celle, Celle
19.März – 13. August 2017

Modernes Kleinod in historischer Umgebung: Das Kunstmuseum Celle setzt auf Licht
Modernes Kleinod in historischer Umgebung: Das Kunstmuseum Celle setzt auf Licht

Das ist ja mal was wunderbar schräges! Ein 24-Stunden-Museun! Ein was? Ja, genau. Im – beziehungsweise am – Kunstmuseum Celle gibt es rund um die Uhr was zu sehen. Tagsüber drinnen und gegen Eintritt, bei Dunkelheit dann draußen, rundherum und kostenlos. Und so kann sich das Kleinod am Rande der historischen Altstadt tatsächlich das „erste 24-Stunden-Kunstmuseum der Welt“ nennen. Das wäre vielleicht nicht viel mehr als ein netter Gag. Wenn – ja, wenn – da nicht die wirklich spannende Sammlung wäre. Robert Simon, gleichzeitig offenbar großer Kunstliebhaber, Sammler, Museumsgründer und künstlerischer Leiter im Celler Haus, hat nämlich nicht nur eine frische Museumsidee, sondern auch eine sicher subjektiv zusammengestellte, aber vielleicht gerade deshalb umso interessantere Kunstkollektion zusammengetragen. Da finden sich zum Beispiel tolle Arbeiten von Otto Piene (der eigens für das Museum einen Lichtraum installiert hat, der dem in Düsseldorf zu sehenden ZERO-Raum mindestens in nichts nachsteht) oder auch großformatige Bilder von Dieter Krieg, die nur so strotzen von dicken Ölfarbschichten. Wesentlicher Schwerpunkt der Sammlung ist jedoch die Lichtkunst. Und in der aktuellen Ausstellung „Signal“ wird dem in allen Facetten Rechnung getragen. Weit über 40 Arbeiten von fast 40 Künstlerinnen und Künstlern leuchten, flimmern, blinken den Besucher an und lassen ihn staunen. Mein besonderer Favorit: Die Skulptur (oder Installation?) „III“ von Siegfried Kreitner. Eine stehende Plexiglas-Röhre, in der sich blau schimmernde kreisförmige Neonröhren fließend gegeneinander nach oben und unten bewegen. Schwer zu beschreiben, unglaublich toll anzusehen. Ein schon fast meditatives tolles Stück Kunst. Nach ausgiebigem Kunst-gucken sind wir dann auch noch der Kuratorin und stellvertretenden Museumsleiterin Dr. Julia Otto in die Arme gelaufen. Und die hat uns sofort mit so viel Begeisterung, Spaß und Hintergrund von „ihrem“ Museum, der aktuellen und auch von folgenden Ausstellung berichtet, dass es einfach eine Freude war. Ich gebe zu: Bislang hatte ich das Kunstmuseum Celle nicht auf dem Schirm. Das hat sich jetzt in jeder Hinsicht geändert. Wir kommen wieder! -MM

“Auf dem Weg zur Avantgarde – Die Künstlergruppe junger westen“

Auf dem Weg zur Avantgarde – Die Künstlergruppe junger westen“
Kunsthalle Recklinghausen
07. Mai bis 13. August 2017

Moderne Kunst im alten Bunker: Die renovierte Kunsthalle Recklinghausen zelebriert den "jungen westen".
Moderne Kunst im alten Bunker: Die renovierte Kunsthalle Recklinghausen zelebriert den „jungen westen“.

Wer hätte das gedacht? Glaubt man dem Ausstellungsfleyer hatte bei der Gründung der Künstlergruppe „junger westen“ vor nunmehr 70 Jahren kein geringerer als der Bottroper Bauhausmeister Josef Albers die Finger im Spiel! Inspirierte er doch seinen Freund, den späteren Recklinghäuser Kunsthallendirektor Franz Große-Perdekamp, bereits 2 Jahre nach Kriegsende zu einer Aufsehen erregenden Kunstausstellung in ungewöhnlichen Räumlichkeiten: Große-Perdekamp präsentierte die für die damalige Zeit äußerst experimentell und unkonservativ wirkenden Werke der Ruhrgebietler Gustav Deppe, Thomas Grochowiak, Ernst Herrmann, Emil Schumacher, Heinrich Siepmann und Hans Werdehausen origineller Weise mitten am Recklinghäuser Markt in der mangels Angebot leeren Lebensmitteletage des Kaufhauses Althoff  – das Vestische Museum der Stadt inklusive seiner Bestände waren bereits 1944 einem Luftangriff zum Opfer gefallen.

Zum siebzigsten Gründungsjubiläum der Gruppe erinnern heuer nicht weniger als sechs RuhrKunstMuseen in diversen Ausstellungen und Veranstaltungen an die sechs Kunstpioniere der Deutschen Nachkriegszeit. Der Schwerpunkt der Kunsthalle Recklinghausen liegt dabei mit Exponaten aus der Zeit von 1947 bis 1962 stark auf der Metamorphose vom bildnerisch Gegenständlichen zum Abstrakten.

Besonders gefallen mir die für Gustav Deppe typischen Industrielandschaften mit modernen Hochspannungsmasten, Kränen und Fabriktürmen. Aber auch die meist kubistisch anmutenden Arbeiten Heinrich Siepmanns. Ebenfalls spannend: die filigranen Objekte Ernst Hermanns (anfassen wie immer verboten!). Und – wen wundert´s – natürlich die immer informeller werdenden Werke des jungen Emil Schumachers! (Kleiner Tipp: bedeutend mehr Schumacher zeigt das Emil Schumacher Museum in Hagen!) Zudem gibt es in Recklinghausen Kunst von mit der Gruppe befreundeten Künstlern – Emil Cimiotti, K. O. Götz, Georg Meistermann und HAP Grieshaber.

Ein weiteres Bonbon dieser Ausstellung: Zur Kunst gibt es noch zahlreiche dokumentarische Fotografien und einen längeren „historischen“ Fernsehbeitrag (unbedingt ansehen – ein echtes Zeitzeugnis!).

Ach ja, für all diejenigen, die es noch nicht wissen… Auch heute noch lieben es die Recklinghäuser Kunstkonsumenten avantgardistisch: Die Kunsthalle Recklinghausen ist seit 1950 in einem ehemaligen Hochbunker schräg gegenüber dem Hauptbahnhof beherbergt. Aber keine Angst! Die Räumlichkeiten haben durch diverse Um- und Anbauten ihren Schrecken, jedoch nicht an architektonischem Reiz verloren. AEK