Archiv für den Monat: November 2016

„Neal Preston: In the Eye of the Rock ‚n Roll Hurricane“

Neal Preston: In the Eye of the Rock ‚n Roll Hurricane
Neal Preston
Theater Gütersloh, Gütersloh
27.10. – 27.11.2016

Neal Preston Ausstellung im Theater Gütersloh
Lichtwürfel mit Rock ‚n Roll Inhalt: Das übergangsweise zum Ausstellungshaus verwandelte Theater Gütersloh

Schon seit 40 Jahren lichtet Neal Preston die großen Namen des Rock ‚n Roll ab. Eine Auswahl von gut 70 dieser Fotografien zeigt das Theater Gütersloh in seinem großen Foyer, das nun tatsächlich wie ein echter Ausstellungsraum wirkt. Dreckig schwitziger Rock ‚n Roll im weißen Kubus für (normalerweise) darstellende Künste – das ist ein feiner Gegensatz. Und so begegnen dem Betrachter im Ambiente der Hochkultur also viele große Namen einer zum Teil schon vergangenen Zeit. Springsteen, Led Zeppelin, Jagger, Queen… Wer mag, bekommt dazu direkt auch einen Audioguide und kann zu vielen Fotos gleich die dazugehörige Geschichte erfahren. Eine kurzweiliger Spaziergang durch Jahrzente von Musik. Mein Favorit? Ein Portrait von John Lydon, alias Johnny Rotten. Bei diesem Preston-Foto quillt Punk aus jeder Pore. -MM

 

„Bling Bling Baby!“

Bling Bling Baby!
NRW Forum, Düsseldorf
19.11.2016 – 15.01.2017

Introtext am Start der Ausstellung "Bling Bling Baby" im Düsseldorder NRW-Forum
Bling Bling? Schwarz-weiß ist hier nur der Intro-Text. In der Ausstellung geht es deutlich effektvoller zu…

Bunt, bunter, Bling Bling Baby! Das Düsseldorfer NRW-Forum lässt es ordentlich krachen. Eine krass-grelle Farbmischung, so scheint es, wurde genüsslich in eine ganze Horde wildgewordener Kameras gekippt. Knallige Trivialität, Kitsch, Pop, Oberfläche, Glamour. Künstlichkeit wird zum Kult erhoben, Fantasy-Welten, leuchtende Lippen, Barbies aus Fleisch und Blut, Farbe, Farbe, Farbe… So was geht aber nicht? Ist doch viel zu… ja, viel zu was eigentlich? Oder sollte man doch mal reinschauen? Ja klar! Nicht nur reinschauen, sondern mit voller Wucht reinspringen wie in einen riesigen Swimmingpool. So dass es richtig „platsch!“ macht. Und dann abtauschen in wilde Fotowelten und staunen, wieder auftauchen und sich ordentlich schütteln, so dass statt Wassertröpfchen die Swarovski-Steinchen nur so um einen fliegen. Dann abtrocknen und langsam wieder zu sich kommen… Empfehlung: Damit es nach dem Rausch keinen Kater gibt, empfiehlt sich ein Besuch der Nachbarausstellung „gute aussichten„. Etwas ruhiger und weniger Bling Bling, aber auf keinen Fall zu verpassen! -MM

„gute aussichten 2016/2017: junge deutsche Fotografie“

gute aussichten 2016/2017: junge deutsche Fotografie
NRW Forum, Düsseldorf
19.11.2016 – 15.01.2017

Eröffnung der Ausstellung "gute aussichten 2016/2017"
Gute Aussichten für Düsseldorf und die junge deutsche Fotografie: Volles Haus bei der Eröffnung von „gute aussichten 2016/2017″ im NRW Forum

Schon zum 13. Mal wird unter dem Label „gute aussichten“ junge deutsche Fotografie präsentiert. Eine Fachjury aus Fotoexperten verschiedenster Couleur, immer wieder auch prominente Namen (diesmal zum Beispiel die wunderbare Herlinde Koelbl; wir haben hier im Blog ihre Retrospektive in Oberhausen besprochen), kürt die Abschlussarbeiten von Absolventinnen und Absolventen deutscher Foto-Hochschulen. Und dann gehen die Arbeiten auf Tour, nicht nur durch die deutschen Top-Museen für Fotografie, sondern auch an internationale Ausstellungshäuser. Hier im artreview Blog haben wir schon über die guten aussichten Nummer 11 (2014/2015) berichtet, bei denen ich erstmals auf die wunderbaren Fotografien von Andrea Grützner (unbedingt anschauen!) gestoßen bin.

Nun aber heißt es erstmals: Auftakt von „gute aussichten“ im Düsseldorfer NRW Forum. Das gefällt mir natürlich nicht nur, weil es sich hier um eine wirklich gute Adresse für Fotografie handelt, sondern (nicht ganz uneigennützig) auch, weil ich das NRW Forum in wenigen Minuten erreichen kann. So nehmen wir die freundliche Einladung der Ausstellungsmacher zur Eröffnung also nur zu gerne an – und das hat sich mehr als gelohnt!

Sieben Preisträgerinnen und Preisträger zeigen eine große Palette von Fotokunst in ihrer ganzen Vielfalt. Der rote Faden? „Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden entdecken“, wie es die gute aussichten Macher selber beschreiben. Und das trifft es gut: Die einen reisen für ihre Aufnahmen in die Fremde, um dort als Fremde selbige zu erfahren. Andere bringen die eigene, ihnen innewohnende Fremde aufs Fotopapier. Wieder andere erforschen das Fremde vor der eigenen Haustür.

Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org
Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org

Zu den letztgenannten gehört die Fotografin Julia Steinigeweg, die die Arbeiten ihrer Serie „Ein verwirrendes Potenzial“ zeigt. Aber was genau sehe ich da eigentlich? Einzelporträts, die Hinterköpfe im Anschnitt zeigen? Dann wieder Menschen, die in äußerst stillen Momenten innige Zweisamkeit teilen? Ein Baby? Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das Geheimnis der Bilder: Immer ist ein Protagonist eine Puppe. Lebensecht, realistisch. Und das ist der Moment, in dem es einen packt. Bilder von großer Zärtlichkeit, die sich da zwischen Mensch und Puppe abspielt. Und gleichzeitig strahlt eine immense Einsamkeit aus den Bildern. Eine Geborgenheit, die zugleich ein Stück Trostlosigkeit spiegelt. Irgendetwas dazwischen. Eine Puppe als Partner? Eine Puppe als Babyersatz? Und all das in Bildkompositionen, die zum Teil geradezu malerisch, dann wieder fast grafisch daherkommen.

Im Gespräch sagte mir Julia Steinigeweg, dass sie für ihre Darstellung durchaus auch kritisiert würde, dass man ihr beispielsweise vorgeworfen habe, in ihren Bildern keine klare Haltung zu zeigen. Dem wäre einiges entgegenzusetzen.

Julia Steinigeweg dokumentiert, ohne Dokumentarfotografie zu machen. Sie setzt künstlerisch in Szene, komponiert und verdichtet Bilder. Bilder, die den Betrachter fesseln, verwirren, vielleicht anstoßen zu weiteren, eigenen Gedanken. Über das Fremde und das Eigene. Und bei all dem ist der Blick der Fotografin durch großen Respekt gegenüber ihrem Sujet und den gezeigten Menschen gekennzeichnet. Etwas verstörend und sehr berührend. All das kann man übrigens auch zu Hause erkunden: „Ein verwirrendes Potenzial“ ist auch als wirklich schön gemachtes Buch bei Peperoni Books erschienen.

Neben Julia Steinigeweg von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg wurden sechs weitere Fotografinnen und Fotografen prämiert. Jede einzelne dieser Abschlussarbeiten ist sehenswert, und wenn ich schon nicht auf alle eingehe, sollen hier zumindest auch die weiteren Preisträger/innen genannt werden:

  • Miia Autio // Variation of White // Fachhochschule Bielefeld
  • Chris Becher  // Boys // Kunsthochschule für Medien Köln
  • Carmen Catuti // Marmarilo // Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Andreas Hopfgarten // Die Weltesche Yggdrasil oder die Suche nach einer verlorenen Erinnerung // Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
  • Holger Jenss // Last Chance Junction // Kunsthochschule Kassel
  • Quoc-Van Ninh // Tenebrae // Hochschule für Künste Bremen

Nach dem Auftakt in Düsseldorf stehen für den aktuellen Ausstellungszyklus von gute aussichten 2016/2017 schon Hamburg, Nicosia, Mailand und Koblenz fest. Weitere Orte werden folgen – ein regelmäßiger Blick auf die gute aussichten Website hilft weiter. Es gibt also noch viele Möglichkeiten, diesen tollen Einblick in die junge deutsche Fotoszene zu entdecken. Nicht entgehen lassen! -MM

“Francis Bacon. Unsichtbare Räume”

Francis Bacon. Unsichtbare Räume
Staatsgalerie Stuttgart
07. Oktober 2016 bis 08. Januar 2017

nur nicht aus dem Rahmen fallen: das Plakat für die Bacon-Ausstellung vor der Staatsgalerie Stuttgart
nur nicht aus dem Rahmen fallen: das Plakat für die Bacon-Ausstellung vor der Staatsgalerie Stuttgart

„Wow, was für Bilder!“ – so mein erster Gedanke beim Betreten der Sonderausstellung „Francis Bacon. Unsichtbare Räume“ in der Staatsgalerie Stuttgart. Vom ersten Augenblick an werde ich direkt in die 40 meist großformatigen Gemälde hineingezogen. Sie machen aus mir unverzüglich eine Art Voyeur, der Bacons Figuren wie Tiere im Käfig oder Kämpfer im Ring beobachtet. Ich schau auf Leidende, meist Nackte mit geschundenen Körpern und verzerrten Gesichtern, einsam oder eng umschlungen zu zweit. Ganz nah und intensiv.
Und genau das hat Francis Bacon wohl auch so gewollt: nur allzu akribisch plante er den Aufbau seiner Bilder inklusive der Platzierung seiner Protagonisten im Bildraum. Oft sind das Menschen aus Bacons Alltag: Bekannte, Freunde oder Liebhaber. Hat er sie überhaupt gemocht? Oder gar geliebt? Wieviel Leid haben sie ihm gebracht? Manchmal malt Bacon auch sich selber. Wäre er gerne ein Anderer gewesen? Was dachte und/oder fühlte Bacon beim Malen seiner Bilder? All das sind Fragen, die mir beim Anschauen der Bilder spontan durch den Kopf gehen.
Ein paar Antworten und Hintergrundinformationen erhalte ich in dem die Ausstellung begleitenden Film – ein wirklich sehenswertes filmisches Portrait des großartigen irischen Malers in Form eines Interviews.
Zudem sieht man einige Fotos aus Bacons Londoner Atelier und Wohnung in der Reece Mews Nr. 7, South Kensington – Chaos pur und alles andere als „akribisch“! Das Atelier wurde übrigens im Jahre 1988 – also bereits 4 Jahre vor Bacons Tod – abgebaut, nach Dublin transportiert und in der Dublin City Gallery The Hugh Lane durch ein Team von Restauratoren, Archäologen und Kuratoren wieder aufgebaut. Hört sich doch nach einem „Must“ für die nächste Dublin-Städtetour an, oder? -AEK.