Archiv für den Monat: Februar 2016

„Andrea Grützner: Erbgericht“

„Andrea Grützner: Erbgericht“
Andrea Grützner
Walzwerk Null – Ausstellungsraum für Fotografie und Videokunst, Düsseldorf
12.02.2016 – 05.03.2016

Andrea Grützner vor zwei Arbeiten der Serie "Erbgericht"
Düsseldorf Photo Weekend: Die Foto-Künstlerin Andrea Grützner vor zwei Arbeiten der Serie „Erbgericht“ im Düsseldorfer Walzwerk Null

Schon einmal – Ende 2014 – habe ich an dieser Stelle über die Fotografin Andrea Grützner und ihre Serie „Erbgericht“ geschrieben. Damals fand im Herforder MARTa die Eröffnungsausstellung mit den Preisträgern des Wettbewerbs „Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie 2014/2015“ statt. Und Andrea Grützner war mit dem „Erbgericht“ dabei, einer Serie über ein Gasthaus, die mich völlig fasziniert hat. Mit farbigen Blitzen fast grafisch komponierte Fotografien, in denen der Betrachter lange auf die Suche gehen kann. Schnell fragt man sich, ob die Bilder vielleicht Collagen sind (die Antwort ist: nein) oder welche Geschichten sich wohl im alten Gasthof, der hier fast abstrakt daherkommt, abgespielt haben mögen. Kurz und gut: Das ist wirklich großartige Fotografie! Seit 2014 ist nun viel passiert. Im Rahmen von „Gute Aussichten“ hat das „Erbgericht“ die Welt bereist (zum Beispiel die USA oder Mexiko) und auch in Deutschland so renommierte Häuser wie das Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen besucht. Und dann ging es für Andrea Grützner weiter: Sie stellte in Seoul aus, in Tallinn, wurde Koblenzer Stadtfotografin, zeigte ihre Arbeiten in Kassel und in Amsterdam, in Brasilien, Neustadt an der Weinstraße und in Luxemburg, wo ihre Bilder noch bis Oktober 2016 in einer Outdoor(!)-Ausstellung in Clervaux zu sehen sind.

Und – im Rahmen des „Duesseldorf Photo Weekend“ – stellt die Fotografin nun im Walzwerk Null aus. Die Möglichkeit, das „Erbgericht“ quasi vor der eigenen Haustür nochmals zu erleben, haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Dafür durften wir dann auch gleich eine schöne Überraschung erleben: Andrea Grützner selber stand da im Ausstellungsraum, begrüßte uns freundlich und gab nur zu gerne Auskunft zu ihrer Arbeit. Sie spricht über Licht und Blitzlicht, die eingesetzte Balgenkamera und dass die vielen Ausstellungen toll sind, sie sich aber momentan manchmal mehr Zeit für die eigentliche Fotografie wünscht. Die wünsche ich ihr (neben vielen Ausstellungen) natürlich auch, damit wir noch viele neue Arbeiten zu sehen bekommen.

Solche neuen Arbeiten werden übrigens schon bald präsentiert: Vom 16. März bis zum 6. April 2016 zeigt die Stadtsparkasse Koblenz die Ergebnisse von Andrea Grützners sechsmonatiger Arbeit als Koblenzer Stadtfotografin. Und begleitend dazu erscheint ein entsprechender Bildband. Da bin ich mir sicher: Sowohl der Besuch als auch der Kauf werden sich lohnen! -MM

“Number Twelve: Hello Boys“

“Number Twelve: Hello Boys“
Julia Stoschek Collection
13. Februar 2016 bis 31. Juli 2016

Die Julia Stoschek Collection zeigt die beiden Ausstellungen "Eleven: Cyprien Gaillard" und "Twelve: Hello Boys"
Innenansicht mit Geländer: Die Julia Stoschek Collection zeigt die beiden Ausstellungen „Eleven: Cyprien Gaillard“ und „Twelve: Hello Boys“

Nicht jeder kann ein Museum sein Eigen nennen – Julia Stoschek, Gesellschafterin des Familienunternehmens Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. KG schon. Seit 2007 zeigt die 1975 geborene studierte Diplom-Betriebswirtin und Kunstsammlerin mitten in Düsseldorf-Oberkassel auf ca. 3000 m2 internationale zeitgenössische Kunst. Der Schwerpunkt liegt dabei auf „zeitbasierte Medien“, also vor allem auf Videos und Installationen. Besuchen kann man die Räumlichkeiten übrigens nur am Wochenende (Sa und So), das dann aber gratis.

Die neuste Ausstellung der Julia Stoschek Collection heißt „Number Twelve: Hello Boys“ und befasst sich mit feministischen Themen. Hier meine Highlights: Zunächst Jen DeNikes Werk „Shipwreck“: In der sich alle 49 Sekunden wiederholenden Endlosschleife liegt eine fast nackte Frau mehr oder minder regungslos bäuchlings am Strand. Wellen umspülen sie, Wasser zerrt an ihr, sie wird hin und hergeworfen, ist ausgeliefert. Ist sie „nur“ bewusstlos oder gar tot? Man weiß es nicht, schaut aber gebannt auf die Leinwand, in der Hoffnung, dass sich etwas tut… Ähnlich morbide und faszinierend wirken auf mich die benachbarten großformatigen C-Prints von DeNike aus der „Vampire Portraits Series“ – auch sie zeigen leicht bekleidete Frauen in eher ungewöhnlich liegenden Posen – eben wie frisch von einem Vampir ausgesaugt. Die Protagonistin in Marta Roslers „Semiotics of the Kitchen“ aus dem Jahr 1975 hingegen wirkt auf mich quicklebendig, fast kämpferisch, wenn sie in ihrer Küche die gewöhnlichen Gegenstände eines Hausfrauenalltags präsentiert – und das, wie der Titel des Kurzfilms schon sagt, ganz akribisch von A bis Z. Nicht fehlen darf bei solch einer Ausstellung natürlich auch die österreichische Medien- und Performance-Künstlerin VALIE EXPORT mit ihrer wohl bekanntesten Aktion „Tapp- und Tastkino“ aus dem Jahre 1968: Sie bot wildfremden Männern auf öffentlichen Plätzen an, durch die Öffnungen eines vor ihren Bauch geschnallten Kastens für 12 Sekunden ihre nackten Brüste zu befühlen! Und für mich absolut fantastisch: Der fast 20-minütigen Film „Sanctus“ von Barbara Hammer im hauseigenen, gemütlichen Kinosaal im Erdgeschoss: Zu sehen ist eine individuelle Zusammenstellung Hammers von bewegten Röntgenbildern, die in den 50iger Jahren vom Avantgardfilmer Dr. James Sibley Watson aufgenommen wurden. Man beobachtet also meist weibliche Skelette, beim Essen, Trinken, Händchen halten, Küssen – und das zu der eigens für diesen Film von Neil B. Rolnick komponierten, computergenerierten Messe „Sanctus“!

Übrigens: Parallel zu „Number Twelve: Hello Boys“ läuft noch die vorherige Schau „Number Eleven: Cyprien Gaillard“. Sie wurde kurzerhand bis zum 31. Juli verlängert. Und: Für Juni 2016 plant Julia Stoschek eine Dependance in Berlin! -AEK

“Stephan Balkenhol – Bronze-Editionen 1992 – 2015“

“Stephan Balkenhol – Bronze-Editionen 1992 – 2015“
Osthaus Museum Hagen
15. Januar bis 27. März 2016

Zwei Museen, ein Eingang: das gläserne Portal zum Osthaus Museum und Emil Schumacher Museum in Hagen
Zwei Museen, ein Eingang: das gläserne Portal zum Osthaus Museum und Emil Schumacher Museum in Hagen

Wer hätte das gedacht? Laut Wikipedia gilt das Osthaus Museum Hagen als weltweit erstes Museum für Zeitgenössische Kunst! Das auf Initiative des Kunstmäzen Ernst Osthaus erbaute Haus eröffnete seine Pforten bereits im Jahre 1902, wenn auch damals noch unter dem Namen „Museum Folkwang“. In der schmucken Villa – Innenausbau und Einrichtung erfolgten komplett im Jugendstil nach Entwürfen von Henry van der Velde – gab es seitdem zahlreiche Ausstellungen kontemporärer Kunst. So präsentierte man z.B. im Sommer 1907 Werke der erst zwei Jahre zuvor von vier Architekturstudenten in Dresden gegründeten Künstlergruppe „Brücke“, also Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. 20 Jahre später kam es jedoch zur zeitweiligen Schließung des Hagener Museums: Nach dem Tod Osthaus’ verkauften dessen Erben einfach den gesamten Museums-Bestand inklusive der Namensrechte an die Stadt Essen.
Nun, nahezu 100 Jahre später, scheint in der Hagener Museumswelt zum Glück aber alles wieder in Ordnung: Man verfügt bereits seit langem über eine „neue“ Kunstsammlung mit dem Schwerpunkt Klassische Moderne und Zeitgenössische Kunst, die in der inzwischen restaurierten und um einen Anbau erweiterten Villa präsentiert wird. Zu ihr gehören z.B. zahlreiche wundervolle im- und expressionistische Arbeiten Christian Rohlfs, einige spannende Werke rund um die Künstlergruppe ZERO und grandiose Konkrete Kunst, u.a. von Josef Albers und Friedrich Vordemberge-Gildewart.
Zudem gibt es natürlich immer wieder interessante Sonderausstellungen. So läuft aktuell bis Ende März 2016 die Schau „Stephan Balkenhol – Bronze-Editionen 1992 – 2014“. Die 40 kleinen Skulpturen des international bekannten deutschen Bildhauers – meist Männer mit schwarzen Hosen und weißen Hemden und Frauen mit bunten Kleidern – sehen eigentlich genauso aus wie ihre großen Verwandten aus Holz: grob gearbeitet und mit einer matten Farbe bemalt – eben unverkennbar echte Balkenhols! In Hagen kann man auch kleinere Tierskulpturen im Balkenhol-Style bewundern, so z.B. eine ca. 60 cm große Giraffe. Sie war übrigens nicht nur das Modell zu der acht Meter hohen Skulptur „Mann mit Giraffe“ vor dem Eingang zu Hagenbecks Tierpark in Hamburg, sondern diente auch zur Finanzierung des Projektes über den Verkauf einer kleinen Auflage.
Das „alte“, frühere Museum Folkwang in Hagen ist wohl nicht so ein Magnet wie das „aktuelle“ Museum Folkwang in Essen samt neuer Chipperfield-Architektur. Schade eigentlich – es ist in jedem Fall einen Besuch Wert! Und seit August 2009 gibt es mit dem Emil Schumacher Museum ein weiteres Highlight im Kunstquartier Hagen! -AEK

„System und Kraft der Linie“

System und Kraft der Linie
Zdeněk Sýkora
30.08.2015 – 14.2.2016
Emil Schumacher Museum, Hagen

Informelle Gross-Signatur aus Metall: Das Hagener Emil Schumacher Museum ist ein echtes Juwel für Freunde expressiver Malerei. Und manchmal wird es auch "konkreter". Zum Beispiel mit Sýkoras Linien.
Informelle Gross-Signatur aus Metall: Das Hagener Emil Schumacher Museum ist ein echtes Juwel für Freunde expressiver Malerei. Und manchmal wird es auch „konkreter“. Zum Beispiel mit Sýkoras Linien.

Das Emil Schumacher Museum in Hagen ist ein kleines Wunder. Es schmiegt sich mit seiner modernen, glasummantelten Sichtbetonfassade an das Osthaus Museum (als ursprüngliches Folkwang-Museum quasi eine museale Wiege der Moderne) und bildet mit ihm gemeinsam das Hagener Museumsquartier. Dass es die Stadt geschafft hat, einem ihrer berühmtesten Söhne dieses verdiente Denkmal zu setzen, ist alles andere als selbstverständlich. Und so hat es auch wahrlich lange gedauert, bis es Ende August 2009 zur Eröffnung kam. Basierend auf einer Stiftung von Schumachers Sohn Ulrich werden seitdem wechselnde Präsentationen rund um das Werk dieses wunderbaren Informel-Künstlers gezeigt. Und ein Besuch lohnt immer!

Neben der reinen Schumacher-Präsentation werden zudem immer wieder Ausstellungen gezeigt, die den Namensgeber des Museums mit anderen Künstlern in Verbindung bringen. Aktuell ist das der Tschechische Künstler Zdeněk Sýkora, der seit den 60er Jahren als einer der Pioniere der internationalen Computerkunst gilt. Unter dem Titel „System und Kraft der Linie“ wird eine Vielzahl von „Linienbildern“ des Künstlers gezeigt. Mal schlängeln sich filigrane Linien über den hellen Bildgrund, dann wieder bahnen sich wulstige Linien in vielen Farben Wege über andere Leinwände. Konkrete Malerei, konstruktivistische Gemälde, deren Basis computergenerierte zufällige Zahlenreihen sind. Spannend, dass Sýkoras Kunst in Bezug zu Schumachers gestischer Malerei gesetzt und mit ausgewählten Werken des Hageners konfrontiert wird. Denn plötzlich zeigen sich Übereinstimmungen in der Gegenüberstellung, spielt doch für beide Künstler zum Beispiel der Zufall eine große Rolle. Und so lässt sich vor Ort genau sehen, was das Museum selber so formuliert: „Formal gegensätzlich stehen sie einander künstlerisch überraschend nahe.“ Wohl war! Eine schöne Überraschung! -MM

“Geschichte auf Rädern“

„Geschichte auf Rädern“
Automuseum Melle
Dauerausstellung

Oldtimer noch und noch - im Automuseum Melle...
Oldtimer satt – im Automuseum Melle nahe Osnabrück…

Und noch ein Automuseum – dieses mal in Melle, 25 km östlich von Osnabrück. Genauso wie der ebenfalls von uns an dieser Stelle beschriebene Prototyp in Hamburg liegt auch diese Ausstellungsstätte in privater Hand.
In einem denkmalgeschützten historischen Fabrikgebäude aus der Gründerzeit können jederzeit auf mehr als 3000 m2 verteilt auf drei Etagen rund 300 Fahrzeuge vornehmlich aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts bewundert werden. Das besondere an diesem Museum: Aufgrund eines in dieser Form wohl einzigartigen Ausstellungskonzepts wechseln die Exponate hier eigentlich stetig! Denn: Die schmucken, übrigens immer noch fahrtauglichen (!) Automobile sind allsamt temporäre Leihgaben privater Sammler für einen Zeitraum von maximal 6 Monaten.
Darüber hinaus gibt es in Melle eine Sammlung von über 1.000 Flugzeugmodellen im Maßstab 1:72, zahlreiche Modellautos, die in James Bond-Filmen eine wichtige Rolle übernommen haben und eine über 2.000 Exponate umfassende Jaguar E-Type Ausstellung (natürlich nur die Modellautos!). Zudem entdeckt man zwischendrin immer mal wieder historische Motorräder, Fahrräder und Kinderwagen. Abgerundet wird das ganze durch ein Museumscafe mit diversen Kaffeespezialitäten und selbstgebackenem Kuchen und einem Museumsshop.
Wir fanden den Besuch in Melle überaus inspirierend und kurzweilig, ermöglichte er uns doch zahlreiche Rückblicke in die eigene Vergangenheit. So traf mein Ehemann Marcus auf die Familienkutsche seiner frühesten Kindheit – ein K70-Modell aus der aktuellen NSU-Sonderaustellung im Erdgeschoss, ich hingegen auf das erste Automobil meiner älteren Schwester – einen orangefarbenen Golf I von 1975. -AEK