Archiv für den Monat: November 2015

„Modellstudien“

Modellstudien
Thomas Demand
5.10.2015 – 6.12.2015
Raketenstation Hombroich
Siza Pavillon

Architektonische Bastelarbeiten als abstrakte Detailfotografie: Flyer zu Thomas Demands Modellstudien
Architektonische Bastelarbeiten als abstrakte Detailfotografie: Flyer zu Thomas Demands Modellstudien

Thomas Demand ist als Künstler vor allem dafür bekannt, dass er Modelle baut, die er dann fotografiert. Großformatige Bilder von aus Papier gebastelter Realität. Eine solche (sehr schöne!) Ausstellung war zum Beispiel Ende 2009/Anfang 2010 in Berlin zu sehen („Thomas Demand – Nationalgalerie“). Im Siza Pavillon der Raketenstation Hombroich zeigt Demand jedoch anderes: Statt eigener „Bastelarbeit“ fotografiert er hier Modelle des Architekturbüros SANAA und des Architekten John Lautner. Dabei legt er den Fokus stets auf Details und komponiert so fast abstrakte Bilder. Fotografierte Modelle aus Papier und Pappe – und doch ein ganz anderer Demand. -MM

„It was like that“

„It was like that“
Tomoyuki Ueno
27.11.2015 – 29.11.2015
Raketenstation Hombroich
FIH/Field Institute Hombroich

Tomoyuki Ueno im Field Institute Hombroich
Filigrane Collagen, gusseiserne Grenzen: Flyer zur Ausstellung „It was like that“ von Tomoyuki Ueno

Collagen, zerteilte Möbel, zusammengesetzte Zaungitter: Tomoyuki Ueno bespielt den 50 Meter langen Tunnel des Field Institute Hombroich mit Kunstwerken unterschiedlichster Art. So nimmt er zum Beispiel Seiten aus dem Buch „Vom Kriege“ des preußischen Generalmajors Carl von Clausewitz und montiert dorthinein aus Atlanten ausgeschnittene Städtenamen. Landkarten, die klare Verortungen und immer auch Grenzen zeigen, nutzt Ueno wunderbar um: Aus der „Torheit“ im Buch und „Freiburg“ der Karte wird „Freiheit“. Auf diese Weise verwandelt er diverse Wörter und streut mit seiner filigranen Collagetechnik ganz andere, positiv besetzte Begriffe in den Text ein. Tomoyuki Ueno lebt zurzeit als Artist in Residence im Gastatelier der Raketenstation, und dort findet sich als weiterer Teil der Ausstellung eine raumgreifende Skulptur aus Zaunelementen, die ein jedes für sich aus dem nächsten Vorgarten stammen könnten. Ueno hat daraus eine Installation gemacht, die auf ganz eigene Art erneut das Thema Grenzen aufnimmt und zu allerlei Gedanken anregt. Tomoyuki Ueno selber gab im Atelier zudem überaus freundlich Auskunft zu seiner Arbeit. Ein lohnender Besuch! –MM

“Kraftwerk 3-D”

„Kraftwerk 3-D“
Lichtburg Essen
22.11.2015, 23.59 Uhr

 

Kraftwerk-CDs - so weit man schauen kann....
Kraftwerk-CDs – so weit man schauen kann…

Irgendwie gehört dieser Beitrag über ein Konzert der Düsseldorfer Gruppe „Kraftwerk“ nicht hier hin – oder doch?!

Seit 40 Jahren bin ich nun begeisterter Fan dieser Kultband. Angefangen hat die Schwärmerei für mich 1975 im zarten Alter von 10 mit dem Erscheinen des Albums „Radio-Aktivität“. Ich weiß es noch heute: Meine ältere Schwester erstand die LP (für die jüngeren Leser: LP = Langspielplatte) über die Fernsehzeitung „Hörzu“. Als Gimmick dazu gab es einen Bogen Strahlenwarnzeichen-Aufkleber. Aber die waren für kleine Schwestern natürlich Tabu. Was habe ich sie damals darum beneidet!!!

Nun, inzwischen ist eine Menge Zeit ins Land gegangen. Und mit ihr eine Menge Kraftwerk-Platten, Kraftwerk-CDs und Kraftwerk-DVDs. (Ich muss nicht erwähnen, dass ich sie inzwischen natürlich alle selber besitze, oder?)

Nur eines war für mich bislang immer noch offen – der Besuch eines Kraftwerk-Konzerts. Waren (und sind) diese doch rar gesät und irre schnell ausverkauft! Um so glücklicher war ich, als Marcus mich Anfang Juni mit Karten für eine „Spätvorstellung“ (Beginn: 23.59 Uhr!!!) am Sonntag, den 22. November 2015 in der Lichtburg Essen, Deutschlands größtem Filmpalast, überraschte.

Nun zum eigentlichen Event: Das Konzert war einfach wundervoll und glich – wie von uns erwartet – eher einer Performance, denn einer schnöden Popmusikveranstaltung! Die vierköpfige Band spielte die komplette Aufführung vor einer 3D-Videoprojektion – ein Konzept, mit dem Kraftwerk bereits seit Herbst 2011 auf Tour ist. Angefangen hat diese Art der Präsentation im Kunstbau der städtischen Galerie im Lenbachhaus (München). Seitdem gab es aber auch Termine in anderen Museen, so z.B. in der Neuen Nationalgalerei (Berlin), im NRW-Forum (Düsseldorf) und in der Tate Modern Turbine Hall (London). Im Museum of Modern Art (New York) spielte man 2012 z.B. acht Konzerte – zu jedem Kraftwerk-Album eins.

In den stilvollen Räumlichkeiten der Lichtburg gab es eine gelungene Zusammenstellung aus allen Werken inklusive meiner persönlichen Highlights „Radioaktivität“, „Trans Europa Express“, „Computerwelt“ und „Die Mensch-Maschine“. Aber auch die bei mir nicht ganz so beliebten Ohrwürmer „Tour de France“, „Autobahn“ und „Das Modell“ durften nicht fehlen. Als Vorlage zu den 3D-Videoprojektionen dienten übrigens immer die jeweiligen Plattencover. Und das alles natürlich in einem absolut perfektem Sound inklusive erstklassiger 3D-Optik. Nicht umsonst spricht man auf der hauseigenen Webseite von der „Mensch-Maschine KRAFTWERK“ als „ein Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton“!

Apropos Mensch… Da standen ja noch vier Personen auf der Bühne… Von der ursprünglichen Besetzung ist nur noch Ralf Hütter dabei. Aber das ist eigentlich auch völlig egal! Denn wie keine andere mir bekannte Band hat es Kraftwerk geschafft, mehr als 40 Jahre lang ohne „Personenkult“ auszukommen. Man zeigt sich dem Zuschauer als Gruppe aus vier gleichgekleideten Körpern hinter vier identischen Stehpulten. Insgeheim habe ich mich während der gesamten Performance immer wieder mal gefragt, ob die wenigen zu beobachtenden Handhabungen der Vier überhaupt in irgendeinem Zusammenhang mit der zu hörenden Musik stehen. Aber das war eigentlich auch ganz egal.

Selbst um 02:14 Uhr mit Blick auf den kommenden Arbeitstag habe ich heimlich gehofft, das Ganze möge niemals aufhören. Trotz der schleichenden Müdigkeit gierten Ohren und Augen nach „Mehr“, gab es doch noch so viele tolle Stücke, die mir in den Kopf kamen…

Nun – Ich brauche nicht zu betonen, dass man mich jederzeit wieder für ein Kraftwerk-Konzert wecken kann, oder?! -AEK

“Absolute Gestaltung”

Absolute Gestaltung
Otto Steinert
Folkwang Museum, Essen
16.10.2015 – 28.02.2016

Leuchtendes Beispiel: Im Essener Folkwang Museum zeigt Otto Steinert, was Fotografie alles kann...
Leuchtendes Beispiel: Im Essener Folkwang Museum zeigt Otto Steinert, was Fotografie alles kann…

Die „Gestaltungsmöglichkeiten der Fotografie“, damit hat sich Otto Steinert theoretisch auseinandergesetzt und damit viele Fotografen beeinflusst. Wie diese Theorie sich in der Praxis, in konkreten Bildern manifestiert, das zeigt die aktuelle Ausstellung im Essener Folkwang Museum. Als prägende Figur der deutschen Nachkriegsfotografie setzt Steinert oft auf Abstraktion, er experimentiert mit vielen Techniken und spielt mit einer riesigen Palette von Gestaltungsmitteln. So wird das Bild an sich zur Kunst, nicht zur Abbildung. Eine schöne, kleine Ausstellung, die Lust auf mehr Steinert macht! -MM

“Situation Kunst (für Max Imdahl)”

“Situation Kunst (für Max Imdahl)”
Kunstsammlung der Ruhr-Universität Bochum, Bochum
permanent

eine wirklich gelungene Kombination von alt und neu: der KUBUS im Park von Haus Weitmar
eine wirklich gelungene Kombination von alt und neu: der KUBUS im Park von Haus Weitmar…

Idyllisch gelegen mitten im Park von Haus Weitmar findet man in einem musealen Gebäudeensemble seit 1988 einen Teil der Kunstsammlung der Ruhr-Universität Bochum. Der etwas ungewöhnliche Name „Situation Kunst (für Max Imdahl)“ erinnert dabei an den Gründungsordinarius des Kunsthistorischen Instituts der Universität, an Prof. Max Imdahl. Die zwei Hauptgebäude beherbergen vor allem moderne und zeitgenössische Werke namhafter Künstler wie z.B. Gotthard Graubner, Norbert Kricke, Arnulf Rainer, Ad Reinhardt, Robert Ryan und Jan J. Schoonhoven sowie Licht-Raum-Installationen von Francois Morellet, Dan Flavin und Gianni Colombo, aber auch Asiatische und Afrikanische Kunst. In zwei Nebengebäuden erwarten den Besucher darüber hinaus eine absolut spannende Video-Sound-Installation von Marcellvs L. und eine wunderbare Corten-Stahl-Arbeit von Richard Serra. Weitere Skulpturen – z.B. von David Rabinovitch, Erich Reusch und Ulrich Rückriem – können noch im Park von Haus Weitmar bewundert werden.

Die Gesamtanlage wurde 1988 von Alexander von Berswordt-Wallrabe konzipiert und erinnert mich von der Grundidee her ein wenig an die kurz zuvor eröffnete Museumsinsel Hombroich im Umland von Neuss, da sich auch hier Kunst, Architektur und Natur dialogisch aufeinander beziehen.

Im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 entstand in direkter Nachbarschaft zu den ursprünglichen Gebäuden der „Situation Kunst (für Max Imdahl)“ der sogenannte KUBUS – ein filigran anmutender Würfel mitten in die Ruine des im Zweiten Weltkrieges zerstörten Haus Weitmar gebaut. Er bietet Platz für Wechselausstellungen und Vorträge, aber auch Appartements für Gastdozenten der Ruhr-Universität, für einen Museumsshop und ein Café.

Und seit November 2015, passend zum 50. Geburtstag der Ruhr-Universität Bochum, gibt es an gleicher Stelle noch das „MuT – Museum unter Tage“, was bedeutet: Über einen Aufzug oder eine Treppe erreicht man weitere 1500 qm Ausstellungsfläche. Auftakt für den musealen Betrieb hier macht die Schau „Weltansicht – Landschaft in der Kunst seit dem 15. Jahrhundert“ mit mehr als 100 Arbeiten aus dem hauseigenen Konvolut an Landschaftsbildern. Kurz: Eine illustere Mischung von klassischen Arbeiten auf Leinwand und Papier, aber auch Fotos und Videoinstallationen diverser Künstler, so z.B. Oswald Achenbach, Gustave Courbet, Paul Cézanne, Paul Klee, Pablo Picasso, Lovis Corinth, Christian Rohlfs, Andreas Feininger, Arnulf Rainer, Roy Lichtenstein und Walker Evans.

Also alles in allem eine gute Adresse nicht nur für Museumsbummler aus dem Ruhrpott… -AEK

Agnes Martin

Agnes Martin
K20 – Kunstsammlung NRW, Düsseldorf
07.11.2015 – 06.03.2016

Künstlerin mit zartem Streifenfaible: Agnes Martin in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW
Künstlerin mit zartem Streifenfaible: Agnes Martin in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW

Eine große Retrospektive, die gleich vier bedeutende Museen in Europa und Amerika zeigen (werden) – und zwar für eine Künstlerin, die gar nicht so viele Menschen auf der Liste haben dürften: Agnes Martin. Die amerikanische Malerin beeindruckt durch ein umfassendes Werk (in der Ausstellung werden zirka 130 Arbeiten gezeigt) und auch durch ihr kontinuierliches Schaffen bis ins hohe Alter (Agnes Martin starb 2004 mit 92 Jahren). Mir selber gefallen einerseits besonders die minimalistisch anmutenden Gemälde, die pastellige, beinahe blasse horizontale Streifen zeigen und sehr vorsichtig, fast zärtlich das Spiel von Farbton und Fläche ausloten. Und andererseits haben mich die aus der Ferne fast monochrom wirkenden, großformatigen Gemälde beeindruckt, die sich dann beim Näherkommen, beim genauen Hinsehen als Kombinationen und Reihungen aus Rasterflächen, Punkten, Linien zu erkennen geben. An vielen Stellen der Ausstellung habe ich an Mark Rothko gedacht. Dessen Farbfelder kommen zwar grundsätzlich ganz anders daher, aber der Wunsch an die Betrachter, sich sehr direkt auf die Bilder einzulassen und sie auch emotional wirken zu lassen, scheint mir eine große Parallele.

Die Aufforderung, die Agnes Martin den Betrachtern ihrer Bilder mit auf den Weg gibt, mag ich dann auch gerne übernehmen: „Du gehst einfach hin und sitzt und schaust.“ Nun denn: Die Bilder sind da, Stühle bietet das K20 ebenfalls. Auf geht’s! -MM

 

„Simon Schama’s Face of Britain“

„Simon Schama’s Face of Britain“
National Portrait Gallery, London
16.09.2015 – 04.01.2016

The Face of Britain
Britannien hat viele Gesichter. Das kann man auch in der National Portrait Gallery entdecken.

Freier Eintritt für das „Gesicht Britanniens“ – nein, hier geht es nicht um Sonderkonditionen für ein Topmodel; die Ausstellung „Face of Britain“ darf jeder kostenlos besuchen. Gezeigt wird, wie Portraitkunst für unterschiedlichste Ziele und Aussagen eingesetzt wurde: Von der Liebeserklärung über die Darstellung von Macht bis zur Selbstdarstellung. In verschiedenen Räumen werden durch die Epochen hinweg die Themen „Power“, „Love“, „Fame“, „Self“ und „People“ erkundet. Das ergibt einen bunten Reigen spannender Portraits unterschiedlichster Künstler uns Stile. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit der National Portait Gallery mit der BBC – so wundert es nicht, dass zusätzlich zum Katalog auch eine fünfteilige TV-Serie für BBC2 produziert wurde, die auch als DVD erhältlich ist. All das natürlich in Englischer Sprache. Ein schöner Überblick. -MM

Empty Lot

Empty Lot
Abraham Cruzvillegas
Tate Modern, London
13.10.2015 – 03.04.2016

Balkonia im Kunstmuseum: Abraham Cruzvillegas lässt Blümchedn sprießen. Vielleicht...
Balkonia im Kunstmuseum: Abraham Cruzvillegas lässt Blümchen sprießen. Vielleicht…

In der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern finden immer wieder außergewöhnliche Ausstellungen  statt. Der schiere Raum lädt ein, an anderen Orten kaum denkbare Installationen und Experimente zu machen. So auch bei „Empty Lot“ von Abraham Cruzvillegas. Die riesenhafte Skulptur besteht aus einer Unmenge von dreieckigen „Pflanzkübeln“ auf Stelzen, die Cruzvillegas mit Erde aus unterschiedlichen Londoner Parks füllt. Gepflanzt wird nichts, aber für Licht und Wasser ist immer gesorgt. Und dann heißt es abwarten. Sechst Monate lang wird die Skulptur ausgestellt – und wie sich das Kunstwerk entwickelt, ist schlichtweg nicht vorhersagbar. Was ist schon im Boden enthalten? Was wird durch Besucher (absichtlich oder unabsichtlich) eingebracht und was wächst schließlich? Möglichkeiten, Veränderung, Hoffnung – was immer auch passiert… Eine schöne Idee, die zudem durch die Wucht ihrer Inszenierung an diesem fantastischen Ort überzeugt. -MM

 

“Pure Presence”

Pure Presence
Alberto Giacometti
National Portrait Gallery, London
15.10.2015 – 10.01.2016

Präsenz zeigen: Der Eingang der Londoner National Portrait Gallery begrüßt Besucher mit Giaccometti-Bannern
Präsenz zeigen: Der Eingang der Londoner National Portrait Gallery begrüßt Besucher mit Giacometti-Bannern

Die National Portrait Gallery in London ist immer einen Besuch wert – auch, was die (kostenlos zu besuchende) ständige Ausstellung anbelangt. Die aktuelle Sonderausstellung „Pure Presence“ fügt  dem Ganzen einen Glanzpunkt hinzu (für den dann aber auch 15 Pfund fällig sind). Dem Museum entsprechend fokussiert die Ausstellung ganz auf von Giacometti geschaffene Portraits – von der ersten, noch als Kind modellierten Büste seines Bruders Diego bis hin zu seinem letzten regelmäßigen Modell Caroline. Ob Skulptur, Zeichnung oder Ölgemälde – Alberto Giacometti ist immer unverkennbar. Und die Idee, die „reine Präsenz“, „pure presence“ des Menschen einzufangen, leuchtet überall auf. Die dargestellten Menschen wirken einsam, oft isoliert. Und doch strahlen Bilder und Skulpturen eine immense Kraft aus  – und erzählen gleichzeitig von Giacomettis intensiver Anstrengung während des Schaffensprozesses. Mein Lieblingspart der Ausstellung: Ein ganzer Raum voller „Annettes“. Annette sitzend, stehend, in Öl, aus Bronze…  Es lohnt sich, Ruhe und Zeit mitzubringen. -MM