Archiv für den Monat: Juli 2015

“Imi Knoebel – Malewitsch zu Ehren”

“Imi Knoebel – Malewitsch zu Ehren”
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21
09. Mai bis 30. August 2015

Auf jeden Fall minimalistisch: die ausgestellten Werke von Knoebel und Malewitsch sind überschaubar.
Auf jeden Fall minimalistisch: die ausgestellten Werke von Knoebel und Malewitsch sind überschaubar.

Minimalistisch durch und durch – so könnte man die aktuelle Ausstellung des seit mehr als 50 Jahren in Düsseldorf beheimateten Künstlers Imi Knoebel in der Bel Etage des Ständehauses zu Ehren des Malers Kasimir Malewitsch kurz umschreiben: Exakt eine Handvoll Knoebel-Arbeiten – die fünf Wand- und Raumarbeiten wurden extra von ihm für diese Schau entwickelt – das Ölgemälde „Schwarzes Rechteck und rotes Quadrat“ von Malewitsch aus dem Jahr 1915 und 43 kleinformatige, meist suprematistische Zeichnungen des russischen Avantgarde-Künstlers aus dem Zeitraum von 1911 bis 1930 großzügig verteilt auf drei große Räume – that´s it.

Eigentlich schade! Denn aufgrund der Ausstellungsankündigung und als Fan abstrakter Kunst hätte ich zumindest auf deutlich „mehr Imi Knoebel“ gehofft. Auf mehr seiner wundervollen gegenstandslosen Werke, meist allein bestehend aus monochromen, mehr oder weniger geometrischen Flächen.

Nun ja: Immerhin gibt es im ersten Obergeschoss des Museums noch den „Genter Raum“, eines der Schlüsselwerke Imi Knoebels von 1979/1980.

Übrigens: Etwas versteckt im Editorial der aktuellen Programmvorschau der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (7/8/9 2015) verrät Marion Ackermann, die Leiterin der Sammlung, dass die 44 im K21 gezeigten Malewitsch-Arbeiten erst vor Kurzem durch eine großzügige Schenkung in den Besitz des Hauses gelangt sind.  -AEK

“In Orbit”

 “In Orbit”
Tomás Saraceno
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K 21
22.06.2013 – Ende 2015

Spiderman im Netz? Die Rauminstallation "In Orbit" von Tomás Saraceno ist sowohl hohe als auch (sich) bewegende Kunst...
Spiderman im Netz? Die Rauminstallation „In Orbit“ von Tomás Saraceno ist sowohl hohe als auch (sich) bewegende Kunst…

Über zwei Jahre hat es nun gedauert, und endlich hat es geklappt: Ich erlebe „In Orbit“ hautnah, mit allem, was dazugehört. Aber langsam. Um was geht es überhaupt? Mitte 2013 hat der Künstler Tomás Saraceno eine wahrlich riesige Installation in den Luftraum unterhalb der immensen Glaskuppel des Düsseldorfer K21 montiert. Installation bedeutet hier: Stahlnetze auf unterschiedlichen Ebenen, in denen sich zudem einige riesenhafte Kunststoffkugeln befinden. Und das Ganze schwebt in 25 Metern Höhe frei über dem Museumsboden. So weit, so gut. Die Crux aber ist: Besucher dürfen das Werk betreten. Bis zu 10 Menschen ist es gleichzeitig erlaubt, das filigrane Netzgewerk im Wortsinne zu erspüren. Also dann: Zunächst ist ein Zettel zu unterschreiben, dann werden mit Hilfe freundlicher Museumsmitarbeiter ein passender Overall sowie Schuhe mit Profilsohlen ausgesucht. Es folgt die offizielle Sicherheitseinweisung und los gehts. Keine Frage: 25 Meter sind hoch. Sogar verdammt hoch, wenn man kein schwindelfreier Dachdecker oder Freeclimber ist. Aber das Gefühl ist toll. Zwischen mir und dem Abgrund nur ein Drahtnetz. Die Konstruktion schwingt, jede Bewegung beeinflusst das ganze Netz. Überhaupt: Alles, was man tut, beinflusst auch alle anderen. Man kann sich frei bewegen, verschiedene Ebenen erklimmen, sich an den großen Kugeln entlanghangeln oder sich auf umherliegenden Kissen ausruhen und die schwebende Höhe erleben. Ein kleines bisschen fliege ich. Und ein kleines bisschen habe ich auch wackelige Knie, hier im Netz der Spinne (ja, Saraceno hat über Jahre Netzbautechniken von Spinnen studiert). Nach einiger Zeit krabble ich dann doch wieder heraus (ich bin also doch keine gefangene Fliege…), gebe Overall und Schuhe ab und habe ein breites Grinsen im Gesicht. Klare Empfehlung: Machen! -MM

„Kunst und Design im Dialog“

„Kunst und Design im Dialog“
Museum für Angewandte Kunst Köln
Ganzjährig

Nicht zu übersehen: Der Eingang zum MAKK, dem Museum für Angewandte Kunst in Köln
Nicht zu übersehen: Der Eingang zum MAKK, dem Museum für Angewandte Kunst in Köln

In meinen Augen ein echtes Juwel nur 5 Minuten vom Besuchermagnet „Dom“ entfernt: Das Museum für Angewandte Kunst Köln, von Insidern kurz und knapp auch einfach „makk“ genannt. Seit mehr als 25 Jahren beherbergt das von außen bis auf den Eingansbereich wohl eher als „unspektakulär“ zu umschreibende Haus sowohl Schätze des europäischen Kunsthandwerks aus der Zeit vom Mittelalter bis zum Jugendstil als auch eine opulente Schmucksammlung, deren älteste Stücke immerhin auf ca. 3000 v. Chr. datiert sind. Und seit 2008 natürlich auch mein persönliches Highlight: Die umfangreiche Design-Sammlung des Rheinländischen Architekten und Bauingenieurs Prof. R.G. Winkler!

Was ich an ihr so sehr schätze? Sie besteht nicht nur aus wichtigen Objekten des täglichen Alltags – z.B. Möbeln, Leuchten, Haushaltsobjekten und Elektrokleingeräten (entworfen von z.B. Alvar Aalto, Peter Behrens, Ronan und Erwan Bouroullec, Marianne Brandt, Marcel Breuers, Charles und Ray Eames, Norman Foster, Konstantin Grcic, Arne Jacobsen, Le Corbusier, Eric Magnussen, Alessandro Mendini, Dieter Rams, Gerrit Rietveld, Ludwig Mies van der Rohe, Philippe Starck, Otto Wagner und Frank Lloyd Wright), sondern auch aus Werken der Bildenden Kunst, die genau meinen Geschmack treffen (z.B. Josef Albers, Max Bill, Theo van Doesburg, Lucio Fontana, Laszlo Moholy-Nagy, Piet Mondrian, Günther Uecker, Victor Vasarély). Kurz: Im makk kann man in aller Ruhe „Kunst und Design im Dialog“ betrachten.

Hilfreich nicht nur für Design-Newcomer: Der Rundgang durch die Sammlung ist thematisch-chronologisch aufgebaut und wird die ganze Zeit durch eine „Zeitleiste“ an den Außenwänden der Ausstellungsräume begleitet. Auf ihr findet der Besucher Kurzbiografien zu den Designern, aber auch wesentliche Informationen zur jeweiligen Zeit- und Kunstgeschichte in Form von kleinen Filmen, Fotos oder Texten.

Die ältesten Exponate – insgesamt sind es rund 400 Stück – entstammen dem ausgehenden 19. Jahrhundert (Jugendstil, Wiener Moderne), dann folgen die Stilrichtungen De Stijl, Bauhaus und Art Déco. Auf mehr als 700 Quadratmetern geht es Schlag auf Schlag weiter bis in die Anfänge des 21. Jahrhunderts inklusive einem kleinen Ausblick in die nahe Zukunft. Übrigens: Das Konzept der Ausstellung stammt vom Vitra Design Museum in Weil am Rhein. (Ein Muss für alle Design-Fans!)

Ein weiterer Tipp meinerseits: All die, die sich nach dem Museumsbesuch eine kulinarische Pause gönnen wollen, sollten dazu auf jeden Fall das kleine Museumscafé im makk in die nähere Wahl ziehen. Zumindest im Sommer besteht die Möglichkeit, seine Speisen und/oder Getränke in aller Ruhe in einem idyllischen Innenhof einzunehmen – und das mitten im ansonsten doch eher hektischen Zentrum Kölns! -AEK

“Miró. Malerei als Poesie”

 “Miró. Malerei als Poesie”
Jean Miró
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K 20
13. Juni bis 29. September 2015

Buchstabensalat an der Wand: der Eingang zur Miró-Ausstellung im K20
Buchstabensalat an der Wand: der Eingang zur Miró-Ausstellung im K20

Schon 2002 gab es mit „Schnecke Frau Blume Stern“ im Museum Kunstpalast eine große Jean Miró-Ausstellung in Düsseldorf. Damals präsentierte man einen umfassenden Überblick auf die – so heißt es – wohl kreativste Schaffensphase des katalanischen Künstlers, die 1920er und 1940er Jahre. In „Miró. Malerei als Poesie“ liegt der Fokus nun auf der Beziehung von Text und Bild in seinem Oeuvre.

Denn Miró war zeit seines Lebens nicht nur passionierter Kunstmaler, sondern auch leidenschaftlicher Leser klassischer Weltliteratur und zeitgenössischer Texte. Er selber verstand sich als „Malerdichter“ und nannte seine Gemälde, Zeichnungen und Lithographien mit den oft hieroglyphenartigen Figuren und chiffrenhaften Buchstaben und Ziffern „Bild-Geschichten“. Als Vorlage für deren Titel dienten ihm nicht selten konkrete Zitate aus Werken großer Literaten wie z.B. Johann Wolfgang von Goethe oder Jean Cocteau. Zudem war Miró mit einigen bedeutenden Schriftstellern seiner Zeit befreundet. Auch sie kreierten des Öfteren phantasievolle Bildtitel für seine Kunstwerke, arbeiteten aber vor allem gemeinsam mit Miró an aufwendig gestalteten „Malerbüchern“, in denen sich Text und Bild gleichberechtigt gegenüber stehen. Einige von ihnen sind nun in der Kunstsammlung zu bewundern.

Die gesamte Schau umfasst rund 110 Werke aus allen Schaffensphasen des – neben Pablo Picasso – wohl bekanntesten spanischen Künstlers. Ergänzt wird sie zudem durch zahlreiche Objekte aus Mirós privater Bibliothek. Für ihre Präsentation rekonstruierte man im K20 sogar Mirós Leseraum, der in dieser Form selbstverständlich auch von den Ausstellungsbesuchern genutzt werden kann.

Übrigens: Wer „mehr Miró“ wünscht, für den gibt es im Rahmen eines speziellen Begleitprogramms diverse Zusatzveranstaltungen, u.A. Expertenführungen und -vorträge oder gar zweitägige Kunstseminare innerhalb der Kursreihe „Meistersommer!“ Zudem kann natürlich auch ein ausführlicher Ausstellungskatalog (€ 29,90) erworben werden.

Zum Schluss noch ein Hinweis für all die, die im Anschluss an die Sonderschau einen Besuch der wirklich phantastischen Kunstsammlung des Landes Nordrhein-Westfalens geplant haben: Aufgrund eines Umbaus der gesamten ersten Etage kann aktuell (voraussichtlich bis Herbst 2015) nur ein Bruchteil der Kunstschätze allein in der zweiten Etage bewundert werden. Zudem ist der Zugang zum Atelier van Lieshout, dem pfiffig gestalteten Café des K20 mit Blick auf den Grabbeplatz, versperrt. Als Alternative steht hier jedoch ein Ersatzcafé im Foyer des Hauses zur Verfügung. -AEK

„She in Four Acts“ (Hon I Fyra Akter)

„She in Four Acts“ (Hon I Fyra Akter)
Ylva Ogland
Bonnierskonsthall, Stockholm, Schweden
22. April – 26. Juli 2015

Kunststiftung auf Skandinavisch: In Bonnierskonsthall wird zeitgenössische Kunst präsentiert. Und das jetzt sogar zum Nulltarif: Nu har vi fri entré!
Kunststiftung auf Skandinavisch: In Bonnierskonsthall wird zeitgenössische Kunst präsentiert. Und das jetzt sogar zum Nulltarif: Nu har vi fri entré!

Die schwedische Künstlerin Ylva Ogland bespielt mit der Ausstellung „She in Four Acts“ die Bonnierskonsthall mit einem Gesamtkunstwerk aus Malerei, Installationen und Performances.  Keine leichte Kost – da muss man sich drauf einlassen wollen. Schattenwelt, Tod, Geburt, Reale Welt – viele der gezeigten Werke berühren auf eigene Weise. Zum Beispiel eine Installation mit Bildern einer Mutter mit Kind nach der Geburt. Die Bilder stehen vom Betrachter abgewand auf Staffeleien und sind im Quadrat aufgestellt, so dass ein quasi unzugänglicher Innenhof (der gleichzeitig Bühne für Performances sein kann) entsteht. Man bewegt sich also an den Rückseiten der Leinwände vorbei und erhält so immer nur partielle Einblicke auf die einzelnen Bilder aus immer neuen Perspektiven. Viele der Installationen lassen den Besucher aber auch ratlos zurück. Ohne Zeit und Lust auf Auseinadersetzung mit der Kunst wirds schwierig. Wobei hier das Konzept der Kunsthalle weiterhelfen kann: Seit 2006 schon wird dort internationale zeitgenössische Kunst gezeigt. Und es ist erlaubt, nein: erwünscht, Mitarbeiter im Museum zu fragen. O-Ton aus dem ‚Über uns‘-Part der Webseite: „All gallery hosts have profound knowledge in contemporary art, most of them also have their own artistic practice. Every day they offer open introductions aiming to provide the visitor with different entry points and perspectives on the exhibition.“ Nicht schlecht wenn man weiß, dass es in vielen (deutschen) Museen dem Großteil des Personals geradezu verboten ist, etwas zu den Werken zu sagen…   -MM

„Cecil Beaton: Master of Photography“

„Cecil Beaton: Master of Photography“
Cecil Beaton
Sven-Harrys Konstmuseum, Stockholm, Schweden
18. Juni 2015 – 30. August 2015

Messingwürfel mit Laubengängen: Das "Sven-Harrys" Kunstmuseum in Stockholm ist ein Hingucker
Messingwürfel mit Laubengängen: Das „Sven-Harrys“ Kunstmuseum in Stockholm ist ein Hingucker

Das „Sven-Harrys Konstmuseum“ mitten in Stockholm präsentiert sich schon als etwas Besonderes: Ein klares, minimalistisches Design, ein Kubus mit toller „Rundum-Dachterrasse“, der jedoch nicht etwa im modernistischen weiß, sondern mit einer Messingfassade daherkommt (Wingårdhs Archtitekten, Anna Höglund). Das ist auf jeden Fall ein Hingucker!

In diesem Ambiente wird nun im Sommer 2015 Portraitfotografie von Cecil Beaton gezeigt. Die Reichen, Schönen, Berühmten der 30er bis 70er Jahre tauchen hier auf. Von Mitgliedern des britischen Königshauses über Schauspieler und bildende Künstler. Immer gelingen Beaton beeindruckend klare schwarz-weiß Portraits, die in den besten Fällen ein Stück weit hinter die Fassade der Celebrities schauen lassen. Bezaubernd: Eine wunderbare Aufnahme von Grace Kelly. Schon dafür hat sich der Besuch gelohnt. -MM

„On This Earth, A Shadow Falls, Across The Ravaged Land.“

„On This Earth, A Shadow Falls, Across The Ravaged Land.“
Nick Brandt
Fotografiska – Museum für Fotografie, Stockholm, Schweden
22.5. – 13.9.2015

Nick Brandt Plakat mit majestätischem Elefanten vor dem Stockholmer "Fotografiska"
Nick Brandt Plakat mit majestätischem Elefanten vor dem Stockholmer „Fotografiska“

Zunächst einmal ist das „Fotografiska“ ein wunderbares Museum für Fotografie. Da passt alles: Die Stockholm-typische Lage am Wasser, eine lässig-feine Atmosphäre, die Möglichkeit, Werke hochkarätiger Fotokünstler zu kaufen oder einfach unterm Dach mit Panoramablick auf Schiffsverkehr & Co beim Kaffee zu relaxen.  Und die aktuelle Ausstellung  des Fotografen Nick Brandt, die passt natürlich auch. Brandt zeichnet für diverse Musikvideos verantwortlich (beispielsweise für Michael Jackson oder Moby), hat dann aber seine Bestimmung (ein großes Wort, aber in diesem Fall fühlt sich das für mich richtig an) in der Fotografie gefunden. Genauer: in einer ganz besonderen Art der Wildlife Fotografie. Naturpanoramen, dramatische Szenerien, aber vor allem unglaubliche und eindringliche Portraits der Tiere Ostafrikas, die eher an Personenportraits erinnern. Das geht weit über „schöne Tierfotografie“ hinaus; Bildsprache und Komposition der Aufnahmen sind stark. Hier wird der bedrohten afrikanischen Natur mit majestätischen Bildern ein Denkmal gesetzt. Dass Nick Brandt wirklich viel an diesem Thema liegt, zeigt sich auch in der von ihm gegründeten Big Life Foundation, die sich in Ostafrika gegen Wilderei einsetzt. Wer sich zu Hause einen Eindruck von Brandts Fotoarbeiten machen will, kann auf einige hervorragend produziert Bildbände zurückgreifen. Stark. -MM

„Pretty Much Everything 2015“

„Pretty Much Everything 2015“
Inez & Vinoodh
Fotografiska – Museum für Fotografie, Stockholm, Schweden
12.6. – 27.9.2015

Foto-Mekka am Wasser: Das Stockholmer Fotografiska gilt als die skandinavische Top-Adresse für Fotokunst.
Foto-Mekka am Wasser: Das Stockholmer Fotografiska gilt als die skandinavische Top-Adresse für Fotokunst.

Seit über 20 Jahren wirbeln Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin durch die Modefotografie und sorgen für Überraschungen, Begeisterung, Fragezeichen. Das tun sie auch in der großen Übersichstausstellung „Pretty Much Everything 2015″ im Stockholmer Fotografiska. Zunächst wirkt die Ausstellung durcheinander, zusammengewürfelt. Da trifft „klassische“ Fashion-Fotografie auf Selbstportraits und geradezu absurde Bildwelten, in denen der Kopf eines Models auch schon mal verkehrtherum auf dem Körper sitzen darf. Die Anordnung der Bilder ist keine chronologische, sondern eine frei von den Künstlern selber gewünschte. Und je weiter man sich durch die Räume schaut, desto öfter findet man Muster, wiederkehrende Stilmittel. Dann beginnt es Spaß zu machen, sich durch dieses Puzzle an Möglichkeiten zu kombinieren. Ein besonderes Highlight für mich war der Videoraum, in dem unterschiedlichste Produktionen von Inez & Vinodh gezeigt werden: Vom Musikvideo für Björk bis hin zu Kurzfilmen für die großen Marken der Modewelt. Die habe ich mir in der Tat komplett angeschaut; weit über eine Stunde bewegte Bilder mit schönen filmischen Ideen. Und echte Hingucker sind die diversen fotografischen Portraits. Von Clint Eastwood bis zu Madonna – da lohnt sich ein längerer Blick. -MM

“Absolut Art Collection: Less is more…Not!“

“Absolut Art Collection: Less is more…Not!“
Spritmuseum Stockholm
23. April bis 06. September 2015

"Sprit" Museum in idyllischer Hafenlage: In Schweden hat man einiges zum Alkohol zu sagen - auch in Zusammenhang mit Kunstwerken aus der ganzen Welt
„Sprit“ Museum in idyllischer Hafenlage: In Schweden hat man einiges zum Alkohol zu sagen – auch in Zusammenhang mit Kunstwerken aus der ganzen Welt

Wer hätte das gedacht? Das Stockholmer „Spritmuseum“ entpuppte sich bei unserem Besuch als wirklich spannend konzipiertes Spirituosenmuseum mit einer eigenen Kunstsammlung – und das ausgerechnet in einem Land, in dem gerade hochprozentige alkoholische Getränke auch heute noch sicherer gelagert werden als die Goldreserven in Fort Knox!

Idyllisch gelegen auf der grünen Insel Djurgården beherbergt es seit 2008 die einzigartige „Absolut Art Collection“, eine Sammlung von zirka 850 Arbeiten, geschaffen von ungefähr 550 Künstlern und Designern rund um das Kult-Produkt „Absolut Vodka“. Zu sehen ist vor Ort meist nur ein Teil der Werke, und das kuratiert von diversen Personen aus dem Kunstbetrieb unter unterschiedlichsten Aspekten. Pate für die aktuelle Schau standen die aus dem schwedischen TV wohl recht bekanten Designer Simon Davies und Tomas Cederlund mit dem Fokus „von den bunten 80ern bis hin zu den deutlich dezenteren 90ern des letzten Jahrhunderts“. Das Ergebnis: Eine abwechslungsreiche Hängung von Gemälden, Zeichnungen, Grafiken und Fotografien inmitten von extravaganten Möbeln und Gebrauchsgegenständen rund um den populären Brandwein. Einen persönlichen Kommentar des Designer-Duos zu ihrer Auswahl gibt es in Form eines kleinen Videofilms (in Englisch mit schwedischem Untertitel) direkt am Eingang zu dieser Sonderausstellung.

Übrigens: Den Grundstein dieser wirklich außergewöhnlichen Sammlung legte im Jahr 1986 kein geringerer als Andy Warhol. Laut Legende war er ein bekennender Fan der prägnanten Flaschenform des Getränks, die in ihrem Äußeren der traditionellen schwedischen Apothekerflasche ähnelt bzw. sogar entspricht. Ihm folgten bis 2004 zahlreiche andere bildende Künstler, Designer, Videokünstler und Fotografen, so z.B. Keith Haring, Damien Hirst, Louise Bourgeois, Helmut Newton, David Shrigley, Douglas Gordon, Sylvie Fleury, Dan Wolgers oder Hung Tung-Lu. Eine weitere interessante Hintergrundinformation: Eigentümer der Sammlung ist die schwedische Regierung! Denn ihr gehörte auch Jahrzehntelang die Marke „Absolut Vodka“, bis man 2008 an die französische Firma Pernod Ricard verkaufte.

Ein Tipp nicht nur für Fans von „Absolut Vodka“ und/oder moderner Kunst: Auch die Dauerausstellung zum Thema „Schnapsland Schweden“ und die aktuelle Sonderaustellung „Öl“ rund um das Lieblinksgetränk vieler Schweden, das Bier, sind sehr empfehlenswert! Beide punkten durch eine kurzweilige, interaktive Präsentation, wird in ihnen das Thema „Alkohol“ doch absolut (ups, schon wieder) mannigfaltig beleuchtet: So wird die Wirkung von „zu viel Alkohol“ in einem kleinen Films nachempfunden, den man sich in einer gemütlichen Filmlounge anschauen kann. Die für einen Kater typische akustische Überempfindlichkeit am „day after“ lässt sich auch von Antialkoholikern mühelos in einem entsprechend technisch vorbereiteten, ansonsten recht alltäglichen Wohnraum nachempfinden. Auch können verschiedene Rohstoffe, die zur Produktion diverser alkoholischer Getränke erforderlich sind, ertastet und erschnuppert werden. Zudem erhält der Besucher einen Einblick in die professionelle Alkoholproduktion, aber auch Tipps für das heimische Bierbrauen. Und bei Bedarf kann man gegen einen kleinen Obolus in einem speziellen Probierraum auch an diversen Verkostungen teilnehmen! Zudem sind in diesem Sommer an bestimmten Terminen schwedische Bierbrauer für kulinarische Expertengespräche vor Ort. -AEK

„Reprogramming the City“

„Reprogramming the City“
ArkDes – Architektur- und Designzentrum Stockholm
18. Juni bis 30. August 2015

Gemeinsamer Eingang: Hier geht's sowohl zum Architektur- und Designzentrum "Arkdes" als auch zum Moderna Museet
Gemeinsamer Eingang: Hier geht’s sowohl zum Architektur- und Designzentrum „Arkdes“ als auch zum Moderna Museet

Das Architektur- und Designzentrum Stockholm – kurz auch ArkDes genannt – präsentiert in seiner aktuellen Wechselausstellung „Reprogramming the City“ 40 städtebauliche Utopien der feinsten Art. So wird der Besucher z.B. überrascht mit Radwegen, die sich im Winter kurzerhand zu Schlittschuhbahnen umfunktionieren lassen, mit üppig wachsenden Gemüseplantagen in dunklen U-Bahn-Tunneln, mit surrenden Bienenkörben auf Dächern mitten in ansonsten für diese Lebewesen eher ungastlichen Stadtzentren oder aber mit „Schwimmwegen“ – also mit Kanälen mitten durch die Stadt, in denen man sich – wie sollte es anders sein – allein schwimmend fortbewegen kann!

Das Konzept dieser Schau stammt vom amerikanischen Städteplaner Scott Burnham. Alle Projekte haben im Rahmen eines globalen Forschungsprojektes bereits eine Art „Testphase“ im Hinblick auf ihre Praktikabilität durchlaufen und warten somit eigentlich nur noch auf ihre Realisierung durch mutige Bauherren. Man darf also gespannt sein!

Ach ja: ArkDes fordert alle Ausstellungsbesucher auf, ihre eigenen kreativen Visionen, das Leben in der Stadt lebenswerter zu machen, auf einer speziell dazu eingerichteten Webseite vorzustellen. Der pfiffigste Vorschlag gewinnt sogar eine Übernachtung in Stockholm!

Wer mehr Zeit hat, der sollte unbedingt auch die Dauerausstellung des Hauses – „Architektur in Schweden“ – besuchen. Bietet sie doch seit Anfang 2009 einen historischen Rückblick über 1000 (!) Jahre Baukultur mit den thematischen Schwerpunkten „Städteplanung“, „Materialien und Technologien“ und „Innendesign“. Visualisiert wird das Ganze mit Hilfe zahlreicher Modelle, Fotografien und Videos. Zudem unterstützen drei Themenflyer den Besucher bei seinem Rundgang. (Ein Lob an die Kuratoren: Für mich als interessierten Laien war das bislang die ansprechendste Architektur-Ausstellung, die ich je besucht habe!)

Ein weiterer Tipp, aber eigentlich nicht zu übersehen: In direkter Nachbarschaft zum Architektur- und Designzentrum liegt das Moderna Museet Stockholm inklusive einem Skulpturenpark – ein absolutes Muss für alle Liebhaber moderner Kunst (mehr dazu auch hier im artreview-Blog). -AEK