Kategorie-Archiv: Aktionskunst

Concha Jerez. Interferencias.

Concha Jerez. Interferencias.
CAAM – Centro Atlántico de Arte Moderno
, Las Palmas de Gran Canaria, Spanien
5. Oktober 2017- 7. Januar 2018

Innenansicht des CAAM - Centro Atlántico de Arte Moderno in Las Palmas de Gran Canaria
Käfig? CAAM! Das Centro Atlántico de Arte Moderno in Las Palmas de Gran Canaria überrascht nicht nur mit Gegenwartskunst, sondern auch mit modernster Innenarchitektur mitten in der Altstadt.

Hinter dicken und alten Mauern residiert das „Atlantische Zentrum für Moderne Kunst“ in Las Palmas. Da erwartet man die museal-moderne Innenarchitektur mit ihren weißen Wänden zunächst gar nicht, erlebt aber eine spannende Überraschung. Selbst ohne Ausstellung wäre der Bau in Las Palmas Altstadt wirklich einen Besuch wert gewesen – am besten mit Architekturführung (die aber leider nicht angeboten wird. Einige Hintergrundinfos finden sich aber auf der Museumswebsite).

Spielt aber jetzt keine Rolle, denn es gibt ja eine aktuelle Ausstellung: Der in Las Palmas geborenen Konzeptkünstlerin Concha Jerez wird gleich eine ganze Retrospektive ausgerichtet. Kein Wunder, gilt sie doch als wirklich außergewöhnliche Künstlerin in Spanien, als Pionierin der Konzeptkunst, der sie sich seit über 40 Jahren widmet. Dabei setzt Jerez auf unterschiedlichste Medien, nutzt Geräusche, Fotos, Druck, Objekte, Videos, aber auch Internet und Radio. Und dabei drehen sich ihre Arbeiten um Konzepte wie Erinnerung, Zweideutigkeit, Zeit – oder eben die Einmischung, die Interferenz. Und bei all dem schwingen stets deutlich kritische Untertöne mit, Jerez ist eine politische Künstlerin, die Gesellschaft kommentiert. Keine ganz leichte Kost, die da quasi unter Palmen serviert wird. Aber eine zum Nachdenken. –MM

„Documenta 14“

„Documenta 14“
Kassel
10.06. – 17. 09.2017

Documenta: "Pantheon der Bücher"; "Liegen statt stehen"
Documenta draußen. Im Hintergrund der Pantheon der Bücher, vorne links innen als Wohnräume gestaltete Röhren: „Liegen statt stehen“ von Hiwa K.

Eines gleich vorweg: Ja, Teile der Documenta haben auch in Athen stattgefunden (8.4.-16-7-). Wir aber waren „nur“ in Kassel, und darum also soll’s hier gehen. Wobei das nicht bedeutet, dass im teils beschaulichen Hessen nicht jede Menge Griechenland steckt – zumindest, was die Kunst angeht. So wird das Museum Fridericianum, quasi traditionelle Documenta Hauptspielstätte, zum Athener Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST): Erstmals wird in Deutschland die EMST-Sammlung gezeigt, während das (ganz neue) Athener Museumsgebäude vollständig zum Documenta-Spielort wird. Und der Griechische Touch steht dem Fredericianum gut! Spannend zum Beispiel die Installation Acropolis Redux (The Director’s Cut) (2004) des Südafrikaners Kendell Geers. Ein riesiges Stacheldrahtlager, das so manche aktuelle Assoziation zulässt. Überzeugend auch Costas Varotsos auf Glas gedruckte, dann zerbrochene Flaggen (Ohne Titel, 2017) diverser Staaten, die den Boden eines ganzen Raumes im Turm bedecken und plakativ aber doch filigran viel über unsere Gegenwart sagen. Dafür hat sich das Anstehen (es dürfen immer nur wenige Personen eintreten) allemal gelohnt. Zugegeben, vieles der weiteren EMST-Sammlung erscheint im Documenta Kontext dann doch geradezu traditionell und nicht sonderlich verstörend. Aber vielleicht macht gerade das die Schau im Fredericianum zur kontrapunktischen Oase, die der an vielen Stellen bemüht wirkenden Documenta 14 durchaus gut tut.

Unübersehbar auf dem Friedrichsplatz thront Der Pantheon der Bücher (1983/2017) von Marta Minujins. Dieses Scheingebäude, dessen Säulen mit unzähligen verbotenen Büchern bestückt sind (mitbringen erlaubt!) kommt zunächst aus der Ferne beeindruckend daher, während sich die pompösen architektonischen Strukturen dann beim Näherkommen in profane Baugerüste verwandeln. Und beim Wandeln durch die Säulen stellt man verwundert fest, welcherlei Bücher schon irgendwo auf der Welt verboten waren oder sind. Mir wäre Harry Potter zumindest nicht direkt eingefallen…

Ansonsten sind natürlich die über die Stadt verteilten Ausstellungsorte an sich schon sehenswert. Die Documenta Halle als interessanter Museumsbau (mein Favorit dort: Die Arbeit „Sound on Paper“ – Soundinstallation für gerahmtes Papier, Lautsprecher, Oszillator – des Amerikaners Alvin Lucier). Der wild rauchende Zwehrenturm am Fredericianum als Kunstwerk von Daniel Knorr. Die Neue Hauptpost, deren Verladebereich kurzerhand umfunktioniert wurde und sich als „Neue Neue Galerie“ mit nicht immer einfach zu durchschauender Kunst in authentischem Industriecharme schmückt. Und natürlich der stillgelegte U-Bahnhof, der in der Tat eine einzigartige Location ist und den man durch einen rostigen Container auf dem Bahnhofsvorplatz betritt, der gleich Assoziationen zum Thema Flüchtlinge aufkommen lässt. Aber all das ist nur ein Ausschnitt, der Ausstellungsorte gibt es noch viele mehr. Und viel Kunst. Und viel Aussage. Und – wie schon oben angemerkt – viel Bemühen um Aussage, was manchmal etwas angestrengt daherkommt.

Aber was macht die Documenta nun stets irgendwie besuchenswert? Vielleicht ist es die Tatsache, dass ein ansonsten ganz normales, in vieler Hinsicht durchschnittliches Städtchen alle fünf Jahre für mehrere Monate verwandelt wird. Besucher aus der ganzen Welt, Kunst überall, eine Mischung aus Avantgarde und Reihenhaus, Happening und Wiesen-Picknick. Da entsteht eine feine Atmosphäre, die sich gut anfühlt. Also dann: Entweder bis Mitte September hin – oder 5 Jahre warten. -MM

“Kraftwerk 3-D”

„Kraftwerk 3-D“
Lichtburg Essen
22.11.2015, 23.59 Uhr

 

Kraftwerk-CDs - so weit man schauen kann....
Kraftwerk-CDs – so weit man schauen kann…

Irgendwie gehört dieser Beitrag über ein Konzert der Düsseldorfer Gruppe „Kraftwerk“ nicht hier hin – oder doch?!

Seit 40 Jahren bin ich nun begeisterter Fan dieser Kultband. Angefangen hat die Schwärmerei für mich 1975 im zarten Alter von 10 mit dem Erscheinen des Albums „Radio-Aktivität“. Ich weiß es noch heute: Meine ältere Schwester erstand die LP (für die jüngeren Leser: LP = Langspielplatte) über die Fernsehzeitung „Hörzu“. Als Gimmick dazu gab es einen Bogen Strahlenwarnzeichen-Aufkleber. Aber die waren für kleine Schwestern natürlich Tabu. Was habe ich sie damals darum beneidet!!!

Nun, inzwischen ist eine Menge Zeit ins Land gegangen. Und mit ihr eine Menge Kraftwerk-Platten, Kraftwerk-CDs und Kraftwerk-DVDs. (Ich muss nicht erwähnen, dass ich sie inzwischen natürlich alle selber besitze, oder?)

Nur eines war für mich bislang immer noch offen – der Besuch eines Kraftwerk-Konzerts. Waren (und sind) diese doch rar gesät und irre schnell ausverkauft! Um so glücklicher war ich, als Marcus mich Anfang Juni mit Karten für eine „Spätvorstellung“ (Beginn: 23.59 Uhr!!!) am Sonntag, den 22. November 2015 in der Lichtburg Essen, Deutschlands größtem Filmpalast, überraschte.

Nun zum eigentlichen Event: Das Konzert war einfach wundervoll und glich – wie von uns erwartet – eher einer Performance, denn einer schnöden Popmusikveranstaltung! Die vierköpfige Band spielte die komplette Aufführung vor einer 3D-Videoprojektion – ein Konzept, mit dem Kraftwerk bereits seit Herbst 2011 auf Tour ist. Angefangen hat diese Art der Präsentation im Kunstbau der städtischen Galerie im Lenbachhaus (München). Seitdem gab es aber auch Termine in anderen Museen, so z.B. in der Neuen Nationalgalerei (Berlin), im NRW-Forum (Düsseldorf) und in der Tate Modern Turbine Hall (London). Im Museum of Modern Art (New York) spielte man 2012 z.B. acht Konzerte – zu jedem Kraftwerk-Album eins.

In den stilvollen Räumlichkeiten der Lichtburg gab es eine gelungene Zusammenstellung aus allen Werken inklusive meiner persönlichen Highlights „Radioaktivität“, „Trans Europa Express“, „Computerwelt“ und „Die Mensch-Maschine“. Aber auch die bei mir nicht ganz so beliebten Ohrwürmer „Tour de France“, „Autobahn“ und „Das Modell“ durften nicht fehlen. Als Vorlage zu den 3D-Videoprojektionen dienten übrigens immer die jeweiligen Plattencover. Und das alles natürlich in einem absolut perfektem Sound inklusive erstklassiger 3D-Optik. Nicht umsonst spricht man auf der hauseigenen Webseite von der „Mensch-Maschine KRAFTWERK“ als „ein Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton“!

Apropos Mensch… Da standen ja noch vier Personen auf der Bühne… Von der ursprünglichen Besetzung ist nur noch Ralf Hütter dabei. Aber das ist eigentlich auch völlig egal! Denn wie keine andere mir bekannte Band hat es Kraftwerk geschafft, mehr als 40 Jahre lang ohne „Personenkult“ auszukommen. Man zeigt sich dem Zuschauer als Gruppe aus vier gleichgekleideten Körpern hinter vier identischen Stehpulten. Insgeheim habe ich mich während der gesamten Performance immer wieder mal gefragt, ob die wenigen zu beobachtenden Handhabungen der Vier überhaupt in irgendeinem Zusammenhang mit der zu hörenden Musik stehen. Aber das war eigentlich auch ganz egal.

Selbst um 02:14 Uhr mit Blick auf den kommenden Arbeitstag habe ich heimlich gehofft, das Ganze möge niemals aufhören. Trotz der schleichenden Müdigkeit gierten Ohren und Augen nach „Mehr“, gab es doch noch so viele tolle Stücke, die mir in den Kopf kamen…

Nun – Ich brauche nicht zu betonen, dass man mich jederzeit wieder für ein Kraftwerk-Konzert wecken kann, oder?! -AEK

„She in Four Acts“ (Hon I Fyra Akter)

„She in Four Acts“ (Hon I Fyra Akter)
Ylva Ogland
Bonnierskonsthall, Stockholm, Schweden
22. April – 26. Juli 2015

Kunststiftung auf Skandinavisch: In Bonnierskonsthall wird zeitgenössische Kunst präsentiert. Und das jetzt sogar zum Nulltarif: Nu har vi fri entré!
Kunststiftung auf Skandinavisch: In Bonnierskonsthall wird zeitgenössische Kunst präsentiert. Und das jetzt sogar zum Nulltarif: Nu har vi fri entré!

Die schwedische Künstlerin Ylva Ogland bespielt mit der Ausstellung „She in Four Acts“ die Bonnierskonsthall mit einem Gesamtkunstwerk aus Malerei, Installationen und Performances.  Keine leichte Kost – da muss man sich drauf einlassen wollen. Schattenwelt, Tod, Geburt, Reale Welt – viele der gezeigten Werke berühren auf eigene Weise. Zum Beispiel eine Installation mit Bildern einer Mutter mit Kind nach der Geburt. Die Bilder stehen vom Betrachter abgewand auf Staffeleien und sind im Quadrat aufgestellt, so dass ein quasi unzugänglicher Innenhof (der gleichzeitig Bühne für Performances sein kann) entsteht. Man bewegt sich also an den Rückseiten der Leinwände vorbei und erhält so immer nur partielle Einblicke auf die einzelnen Bilder aus immer neuen Perspektiven. Viele der Installationen lassen den Besucher aber auch ratlos zurück. Ohne Zeit und Lust auf Auseinadersetzung mit der Kunst wirds schwierig. Wobei hier das Konzept der Kunsthalle weiterhelfen kann: Seit 2006 schon wird dort internationale zeitgenössische Kunst gezeigt. Und es ist erlaubt, nein: erwünscht, Mitarbeiter im Museum zu fragen. O-Ton aus dem ‚Über uns‘-Part der Webseite: „All gallery hosts have profound knowledge in contemporary art, most of them also have their own artistic practice. Every day they offer open introductions aiming to provide the visitor with different entry points and perspectives on the exhibition.“ Nicht schlecht wenn man weiß, dass es in vielen (deutschen) Museen dem Großteil des Personals geradezu verboten ist, etwas zu den Werken zu sagen…   -MM

“Balle Balle Knalle”

Dieter Roth Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart
Dieter Roth Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart

“Balle Balle Knalle”
Dieter Roth

Kunstmuseum Stuttgart
13. Dezember 2014 bis 12. April 2015

„Balle Balle Knalle“ – schon der Ausstellungstitel lässt erahnen, dass es sich um keine typische Ausstellung Bildender Kunst handelt, sondern um ein beachtliches Sammelsurium eher unkonventioneller Werke des Aktions- und Objektkünstlers Dieter Roth mit dem Schwerpunkt „Sprache“. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt ca. 160 Exponate aus unterschiedlichen Schaffensperioden Roths, die Zeugnis davon sind, dass für ihn als Künstler Bild und Text untrennbar sind, dass sich Kunst und Literatur somit stetig beeinflussen. Neben zahlreichen Schriftstücken inklusive einer „Literaturwurst“ – produziert aus Papier statt Fleisch – findet man in Stuttgart aber auch einige der für Roth typischen Eat-Art-Objekte aus verderblichen organischen Materialien wie z.B. Schokolade. Und kommt man zur rechten Zeit, so kann man in einem ca. 45 minütigen Film auch Roths „Große Tischruine“ bestaunen – eine aufwändige Installation, für die der Künstler von 1978 bis 1998 seinen Alltagsmüll zu einem riesigen Monstrum anwachsen ließ (Di – So, 14 Uhr).

Übrigens: Unbedingt lohnenswert ist natürlich auch ein Besuch der Sammlung des Stuttgarter Kunstmuseums! Mein persönliches Highlight: die Abteilung „Konkrete Kunst“ mit Werken von Josef Albers und Max Bill. -AEK