Kategorie-Archiv: Fotografie

„MichaeI Wolf – Life in Cities“

MichaeI Wolf – Life in Cities
17.November 2018 – 3.März 2019
Deichtorhallen – Haus der Photographie, Hamburg

Freie Hängung: Hongkonger Hochhäuser schweben in den Hamburger Deichtorhallen. Ausstellungsansicht der Schau "Michale Wolf - Life in Cities"
Freie Hängung: Hongkonger Hochhäuser schweben in den Hamburger Deichtorhallen. Ausstellungsansicht der Schau „Michale Wolf – Life in Cities“

Michael Wolf ist ein Fotograf der verdichteten Urbanität. Da, wo Millionen Menschen auf engstem Raum miteinander, nebeneinander leben, findet er seine Motive, seine Motivserien. Und seine Wahlheimat Hongkong bietet sich da geradezu an als Inspirations- und Dokumentationsquelle, als Fundgrube für Motive. Aber auch Tokio, Chicago oder Paris nutzt Wolf, um Bevölkerungsverdichtung und Massenkonsum, um Privatsphäre und ihr stetes Fehlen ebenso wie das klassische, jeder Fotografie innewohnende Sujet des Voyeurismus zu beleuchten.

Und die Bilder sind wirklich atemberaubend. Angefangen mit einer seiner ersten Serien, die das Leben in einer Ruhrgebiets-Siedlung in Bottrop zeigt und noch stark dokumentarisch geprägt ist, geht es rasch in die weite Welt. Die Portraits von Fahrgästen der U-Bahn in Tokio, die in der Rush Hour ihre Gesichter an die feuchten Scheiben pressen, lassen den Besucher die Enge fast körperlich miterleben und strahlen gleichzeitig eine fast obszöne Ästhetik aus. 100 Portraits von Bewohnern eines typischen Hongkonger Hochhaus-Komplexes, die sich in ihren 9 Quadratmeter großen Wohnungen präsentieren, aufgenommen mit großem Weitwinkel, nehmen das Thema der Enge, der Lebensbedingungen in Megacities ebenfalls auf. Und die Präsentation dieser Fotografien verstärkt das Erlebnis noch: Im Museum ist eine solche – allerdings leere – Wohnung aus Sperrholz nachgebaut; die Portraits sind sorgfältig in Serie an dreien der Holzwände aufgereiht. Und wir stehen in dieser abstrakten Holzwohnung, sehen um uns herum die vielen Bewohner, stehen anderen Besuchern fast auf den Füßen, mindestens aber im Weg und erleben auch hier Verdichtung, diesmal noch realer. Das sitzt.

Dann die Hochhausbilder aus Hongkong. Wolf lässt Himmel und Erde weg, beschränkt sich bei den großformatigen Fotografien auf reine Hausfassaden und schafft so etwas wunderbares: Die Bilder wirken abstrakt und in ihrer abgebildeten Serialität ungeheuer ästhetisch. Das sind Kunstwerke, in denen man sich schnell verlieren kann. Und während man das tut, wird parallel klar, dass es sich ja auch hier um Wohnhäuser handelt. Hier wohnen Menschen, tausende, zehntausende. Wie leben diese Menschen? Würde ich so leben wollen? Und doch, diese brutalistische Architektur ist …schön.

Und auch die anderen gezeigten Werkserien Wolfs haben diese unglaubliche Ausstrahlung. Die Skyscraper Chicagos, die ganz im Gegensatz zur Hongkonger Betonarchitektur durch ihre Transparenz tiefe voyeuristische Einblicke erlauben, noch verstärkt durch ausgeschnittene Details, die in ihrer vielfachen Vergrößerung verpixelte, vermeintlich unbeobachtete Menschen in ihrem Alltag zeigen. Oder die Pariser Dächer, die die täglich millionenfach fotografierte Stadt in ganz anderer, abstrakter Schönheit abbilden. Und schließlich, im Zentrum der Ausstellung, die riesenhafte Wandinstallation „The Real Toy Story (2004–2018)“. 20.000 Plastikspielzeuge aus China, greifbar gemachte industrielle Massenproduktion in ungeheurem Ausmaß, rahmen sensible Portraits der Arbeiterinnen und Arbeiter, die diese Spielzeuge herstellen, ein.

Was soll ich noch sagen? Das ist mal wirklich eine rundum überzeugende Ausstellung. Und auch der Katalog überzeugt mit Umfang und toller Qualität. Also: Alles zusammen kurz vor Jahresende für mich ein absolutes Highlight. Hingehen – ansehen! -MM

“Anton Corbijn. The Living and the Dead“

Anton Corbijn. The Living and the Dead
Bucerius Kunst Forum, Hamburg
07.06.2018 – 06.01.2019

Reingeschaut: Aus dem Foyer des Bucerius Kunst Forum blinzelt Sinhead O'Connor von Anton Corbijns Fotografie zurück...
Reingeschaut: Aus dem Foyer des Bucerius Kunst Forum blinzelt Sinhead O’Connor von Anton Corbijns Fotografie zurück…

Seit mehr als 15 Jahren schon gehört das Bucerius Kunst Forum am Rathausmarkt für uns fest zur Hamburger Kunstmeile und ist somit neben der Kunsthalle, dem Museum für Kunst und Gewerbe und den Deichtorhallen ein gern besuchtes Ziel im Rahmen unserer regelmäßigen Städtetouren durch Hamburg.
Bei unserem diesjährigen Besuch in der Adventszeit hatten wir das Vergnügen, zahlreiche Stars der Musikszene bestaunen zu können. Denn die Ausstellung „The Living and the Dead“ des Niederländischen Fotografen und Filmregisseurs Anton Corbijn zeigt vor allem fantastische Portraits berühmter Musiker, aber auch anderer Prominenter wie z.B. Schauspieler, bildende Künstler, Modeschöpfer und Models.
So begegnet uns z.B. das „who is who“ der Musikwelt der letzten 40 Jahre. Ob Klassik oder Pop, ob Rock oder Independent: Anton Corbijn hat sie anscheinenden alle vor dem Objektiv gehabt. Darunter auch viele meiner absoluten Favoriten wie z.B. David Bowie, Nick Cave, Blixa Bargeld, John Cale (dessen Konzert in der Elbphilharmonie am Abend des 07.12.18 übrigens großartig war!), Björk sowie die Urbesetzung von Kraftwerk. Und natürlich Joy Division, über deren legendären Sänger Ian Curtis (1956 -1980) Corbijn im Jahre 2007 seinen ersten Spielfilm „Control“ drehte (ein absolutes Muß nicht nur für Joy Division Fans!). Für mich das Besondere an Corbijns Fotografien: Man ist als Betrachter „ganz nah“ dran. Die Celebrities wirken natürlich, eher wie zufällig in den Fokus gerückt denn aufwendig inszeniert.

Einen kleinen Einblick in Corbijns hervorragende Art zu arbeiten – nicht nur in Hinblick auf sein fotografisches Werk, sondern auch bei den von ihm entworfenen Plattencovern und Musikvideos – erhält man in einem die Ausstellung begleitenden Dokumentarfilm mit diversen Ikonen der Musikszene wie z.B. Martin Gore (Depeche Mode), Bono (U2) und Herbert Grönemeyer (unbedingt ansehen – es lohnt sich!)

Witzig, aber darum künstlerisch nicht weniger wertvoll wirkt auf mich die in der zweiten Etage ausgestellte Serie „a.somebody, 2001- 2002“. Die Selbstportraits zeigen Corbijn recht perfekt gestylt als Musikeridole seiner Jugend. So verkörpert er z.B. Janis Joplin, George Harrison, Jimi Hendrix, Kurt Cobain, Freddy Mercuri, Bob Marley und John Lennon.

Etwas ernster hingegen kommt „Cemeteries, 1982 – 1983“ rüber, eine frühe Serie Cobijns, für die er Grabmonumente auf Friedhöfen Österreichs, Norditaliens und Südfrankreichs fotografierte. Allesamt Cobijn-Kunstwerke mal ohne Personen oder gar Persönlichkeiten.

Kurz: Anton Corbijn zählt für mich zu den großen zeitgenössischen Fotografen (und Filmregisseuren) und ist deutlich mehr als „nur“ ein Musik-Fotograf. – AEK

„Laureen Greenfield: Generation Wealth“

Laureen Greenfield: Generation Wealth
Fotomuseum Den Haag, Den Haag, Niederlande
15. September 2018 – 03. Februar 2019

Kunst im Kasten: Das Fotomuseum Den Haag gibt sich kantig. Drinnen beschäftigt sich unter anderem Lauren Greenfield mit Wohlstand.
Kunst im Kasten: Das Fotomuseum Den Haag gibt sich kantig. Drinnen beschäftigt sich unter anderem Lauren Greenfield mit Wohlstand.

Über 200 Fotografien (erläutert durch ausführliche Texte), dazu diverse Kurzfilme – es ist wahrlich eine umfangreiche Ausstellung, diese erste große Retrospektive der amerikanischen Fotografin und Filmemacherin Lauren Greenfield. 25 Jahre hat sie sich bereits künstlerisch mit dem Thema „Wohlstand“ in seinen unterschiedlichsten Facetten auseinandergesetzt und portraitiert die wenigen wirklich Reichen dieser Welt und die vielen anderen, die zwar nicht reich (an Geld) sind, aber alles dafür tun, um sich wie ihre Vorbilder darzustellen. Greenfield zeigt diese Menschen in ihrem Stolz und ihrer Verletzlichkeit, man merkt ihnen an, dass sie alle sich nur zu gerne darstellen, somit das „fotografiert werden“ genießen, dabei gleichzeitig mehr von sich preisgeben, als sie vermutlich beabsichtigen. Der Betrachter wird – wie so oft – durchaus zum Voyeur. Und doch bringt Greenfield ihren Motiven stets Respekt entgegen. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie ihre Protagonisten immer interviewed, mit ihnen spricht, sie ein Stück weit kennenlernt. Und diese Interviews stellt sie neben ihre Fotografien und macht sie uns zugänglich, was mich ein Stück weit an die Arbeit der wunderbaren Herlinde Koelbl erinnert. „Generation Wealth“ ist eine intensive, spannende und oft nachdenklich stimmende Ausstellung, für die man genügend Zeit mitbringen muss. Ein schöner Besuch. Und der Katalog (erschienen bei Phaidon) ein schönes Buch! Hier nämlich kann man zu Hause nochmals in Ruhe schauen, staunen und vor allem lesen. Das geht im Buch nämlich doch besser als an der Museumswand. -MM

„Klaus Baumgärtner: Sequence“

Klaus Baumgärtner: Sequence
Fotomuseum Den Haag, Den Haag, Niederlande
15. September 2018 – 03. Februar 2019

Das Fotomuseum Den Haag zeigt Klaus Baumgärtner
Das Fotomuseum Den Haag zeigt Klaus Baumgärtner

In Deutschland geboren, in der Schweiz ausgebildet und über Jahrzehnte Dozent an der Königlichen Akademie für bildende Künste in Den Haag (KABK), wird Klaus Baumgärtner (1948 – 2013) nun in seiner langjährigen Wahlheimat eine Ausstellung ausgerichtet, die es zu besuchen lohnt. Baumgärtner fotografiert Objekte, fertigt Bildkompositionen, die für sich selber stehen. Er separiert seine Motive von ihrer eigentlichen Funktion, zeigt nicht Abbilder, sondern in der Fotografie ganz neu geschaffene Bilder. Viele wirken grafisch, strahlen eine besondere Ruhe aus. Vor dem Besuch kannte ich die Arbeiten von Klaus Baumgärtner nicht. Und jetzt freue ich mich sehr, da gewesen zu sein und 50 seiner Werke gesehen zu haben. Eine echte Bereicherung! –MM

„Josef Albers. Interaction“

„Josef Albers. Interaction“
Villa Hügel, Essen
16. Juni bis 7. Oktober 2018

Quadratisch, praktisch? Auf jeden Fall: gut! Die große Josef Albers Retrospektive in Essen.
Quadratisch, praktisch? Auf jeden Fall: gut! Die große Josef Albers Retrospektive in Essen.

Hoch über dem Essener Ruhrtal thront die Villa Hügel mitten in ihrem 28 Hektar großen Park. Bis 1945 war sie mit 269 Räumen nicht ganz kleines Wohnhaus der Familie Krupp und repräsentationsmäßig hochgerüsteter Empfangsplatz der Industriellen-Dynastie. Ausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen finden seit 1953 statt. Heute gehört das beeindruckende Areal der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Und die zeigt jetzt, anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens, in Kooperation mit dem Bottroper Josef Albers Museum Quadrat eine große Josef Albers-Retrospektive.

Startend mit seiner Zeit am Bauhaus in Weimar und Dessau schlägt die Schau einen großen Bogen in die USA, wohin Josef und seine Frau (und fantastische Künstlerin – siehe den Bericht über ihre Ausstellung im K20) Annie Albers 1933 emigrierten, nachdem die Nazis für die Schließung des Bauhaus‘ gesorgt hatten.

Und da hängen sie nun, die vielen wunderbaren Quadrate, aber auch andere Albers-Bilder. Werke eines Künstlers, der Fläche, Raum, aber vor allem die Farbe selber und ihre Wechselwirkungen in unverwechselbarer Art untersucht, der „Farbe denken“ wollte und in seiner Serie „Hommage to the Square“ mit über 2000 Bildern immer wieder zeigt, wie Farben sich gegenseitig beeinflussen. Minimalistisch, seriell. Und das im Interieur der Villa Hügel, die sich trotz ihrer bürgerlichen Wurzeln eher wie ein spätes Schloss gibt. Welch ein Kontrast!

Mehr als 130 Arbeiten zeigt die Ausstellung und gibt einen umfangreichen Einblick in das vielfältige Schaffen Josef Albers‘. „Interaction“ lässt verstehen, welchen künstlerischen Einfluss er hatte (zum Beispiel auf die Minimal Art) – nicht zuletzt auch durch seine Lehrtätigkeit, denn der frühere Bauhaus-Meister leitete in den USA die Design Abteilung an der Yale University in New Haven. Alles in allem eine wirklich spannend kuratierte Schau, die neben vielen im Bottroper „Quadrat“ (immer einen Besuch wert!) beheimateten Arbeiten auch eine große Anzahl Werke zeigt, die sonst nur in den USA zu sehen sind. Das ist sehenswert. Und wer Josef Albers‘ Credo „sehen lernen“ noch besser verstehen will, dem sei die in allen Buchhandlungen bestellbare DVD „To Open Eyes“ anempfohlen, die Albers in Interviews und live als Lehrer zeigt. Spannend. -MM

“Christopher Lehmpfuhl: Faszination Plein Air Malerei“

“Christopher Lehmpfuhl: Faszination Plein Air Malerei“
Kunsthaus Hänisch, Kappeln/Schlei
12. Mai – 17. Juni 2018

Jede Menge Öl rund um den Flügel: Christoph Lehmpfuhl im Kunsthaus Hänisch
Jede Menge Öl rund um den Flügel: Christopher Lehmpfuhl im Kunsthaus Hänisch

Welch eine schöne Überraschung – eine Christopher Lehmpfuhl-Ausstellung in unserem diesjährigen Urlaubsdomizil Kappeln an der Schlei!

Wir hatten echt mehr Glück als Verstand, denn die Schau im Kunsthaus Hänisch lief lediglich 5 Wochen von Mitte Mai bis Mitte Juni, und das auch nur von Donnerstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Als wir die eher am Ortsrand Kappelns gelegene Stadtvilla bei unserem ersten Stadtrundgang entdeckten, war das schon am 10. Juni gegen 15:30 Uhr. Quasi kurz vor Toresschluss – also nichts wie hinein in die gute(n) Stube(n)!

Wow! Im ganzen Haus über zahlreiche kleine und große Räume verteilt gab es Lehmpfuhl pur: kleinformatige Aquarelle und großformatige Ölbilder; Meerlandschaften, Berge und Städteansichten zu allen Jahreszeiten; und das nicht nur bei strahlendem Sonnenschein, sondern auch bei Regen, Schnee und Sturm.

Denn Christopher Lehmpfuhl ist bekannterweise kein „Schönwettermaler“, sondern ein Plein Air Maler durch und durch. Die ebenfalls in den Ausstellungsräumen gezeigten Fotografien seiner Schwester Karena Collet zeigten es recht gut: ob z.B. in Australien, Neuseeland, Island, Irland, auf Helgoland, in den Alpen oder in Berlin: Lehmpfuhl ist immer ganz nah dran am Motiv seiner Wahl. Er benötigt zum Arbeiten kein klassisches Atelier, sondern transportiert die für seine Werke erforderlichen Malgründe und Malfarben immer zum jeweiligen „Objekt“. Auch, wenn das mitten im Nirgendwo liegt. Und das nicht nur bei kleinformatigen luftigen Aquarellen, sondern auch für seine großformatigen Leinwände mit gewichtiger Ölfarbe.

Bei ihrem Anblick stockt mir übrigens jedes Mal der Atem: Lehmpfuhl trägt das von Hause aus cremige Malmaterial teilweise Zentimeterdick mit bloßen (behandschuhten) Händen fast immer direkt aus Farbeimern auf den Untergrund auf. Palette und Pinsel sind für ihn überflüssig. Die Motive scheinen so nahezu dreidimensional, verfügen zumindest immer über eine gehörige Portion „Struktur“. Eben wie die Landschaften selber, die Lehmpfuhl malt. Und das in purem Öl…Einfach atemberaubend schön!

Mein Tipp: schaut doch mal auf die Webseite des Künstlers! Dort gibt es einige Filme, bei denen man Christopher Lehmpfuhl bei seiner expressiven Outdoorarbeit zuschauen kann. -AEK

„OSTER+KOEZLE“

Werfen ihre Schatten voraus: Willy Oster und SG Koezle mitten drin in Arbeiten aus ihrer Serie "architectures" in der Künstlerzeiche Unser Fritz 2/2 in Herne Wanne.
Werfen ihre Schatten voraus: Willy Oster und SG Koezle mitten drin in Arbeiten aus ihrer Serie „architectures“ in der Künstlerzeche Unser Fritz 2/3 in Herne Wanne.

OSTER+KOEZLE – Fotografisch basierte digitale Kunst zum Thema Raum
Künstlerzeche Unser Fritz 2/3, Herne (Wanne)
28. April – 20. Mai 2018

Schon seit vielen Jahren, seit 1999 nämlich, arbeiten Willy Oster und SG Koezle gemeinsam als OSTER+KOEZLE und verbinden Fotografie, Malerei (ganz ohne Malerei!) und digitale Möglichkeiten zu einem faszinierenden Kosmos rund um das Thema Raum. Wir haben die Bilder des Künstlerduos vor einigen Jahren für uns auf der „GROSSEN“ in Düsseldorf entdeckt (siehe auch Blogposts aus März 2016 und Februar 2018) und uns von Anfang an in die geometrisch anmutenden Kompositionen, die immer mit einer Irritation des Betrachters einhergehen, verguckt. Um so schöner, dass nun in der Künstlerzeche Unser Fritz 2/3 eine OSTER+KOEZLE Ausstellung zu sehen ist, die schon fast als Retrospektive durchgehen könnte. Aber eben nur fast – denn dafür reichen die 4 Wände der mit 140 Quadratmetern nicht eben kleinen ehemaligen Weißkaue der Zeche dann doch nicht ganz aus. Und trotzdem bekommt der Besucher einen tollen Einblick in fast 20 Jahre gemeinsames Schaffen und in einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess, was nicht zuletzt an der schlauen Hängung liegt. Jede der vier Wände widmet sich nämlich einer Werkgruppe, startend mit den „rooms“, in denen noch deutlich der eigentliche Ort – eine leere Halle, ein Hausflur… – zu sehen ist, aber durch digital eingeschobene (Farb-) Flächen ein ganz neuer Raum, eine neue Komposition entsteht. Da drängen sich rote, weiße oder schwarze Rechtecke mit einer Selbstverständlichkeit ins Bild, die den Betrachter zunächst irritiert, dann staunen und schließlich nicken lässt: ja, sicher gehört diese Fläche ganz genau so ins Bild. An der nächsten Wand folgen dann die „perspectives“. Das Prinzip bleibt, digitale Farbflächen brechen sich Bahn, strukturieren, erschaffen neu. Die den Arbeiten zugrunde liegenden Fotografien aber beschränken sich auf Details, lassen schon von sich aus keine klare Raumzuordnung zu, sind klar komponierte Konstruktionen. In den „architectures“, Werkreihe (und Wand) Nummer drei, drehen OSTER+KOEZLE den Spieß quasi um: Hier stehen Farbflächen im Vordergrund, aus deren Oberfläche wie mit einem digitalen Skalpell sauber Teile herausgeschnitten wurden und dort Ausschnitte von (Raum-) Fotografien sichtbar werden lassen, was erneut zu einer ganz anderen Wahrnehmung von Raum führt. Die vierte Serie schließlich heißt schlicht schwarz/weiss, und so kommt sie dann auch daher. Aber vorsicht: Was zunächst erscheint wie sehr kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografien von (Raum?) Details, entpuppt sich dann doch wieder als Spiel mit der Wahrnehmung und als bewußte digitale Intervention. Waren diese Flächen wirklich so tiefschwarz? Was stimmt hier nicht? Obwohl doch wirklich alles stimmt…

OSTER+KOEZLE selber haben bei der Ausstellungseröffnung übrigens sichtlich Spaß. So erzählt uns Willy Oster, dessen Wurzeln in der Malerei liegen, zum Beispiel noch, dass es ihn immer besonders gefreut hat, bei der Teilnahme an der „GROSSEN“ Kunstausstellung in Düsseldorf nie bei den Fotografen, sondern stets bei den konkreten Künstlern zu hängen (was ja durchaus passt). Und SG Koezle lächelt verschmitz, wenn er erzählt, dass selbst einem Galeristen nach mehrwöchiger Ausstellung schon mal ein wesentliches Bild-Detail verborgen bleibt: „Aktenordner? Wo soll auf dem Bild denn da ein Aktenordner zu sehen sein?“, wird der Galerist zitiert. Aber wahrscheinlich sollte man sich auch nie ganz sicher sein – vielleicht ist da auch wirklich kein Ordner. Sondern das Spiel mit der Irritation und die Aufforderung zum erneuten Hinschauen.

Mein Fazit: Wunderbar ausgeklügelte  Kompositionen, klare Bezüge zur konkreten Kunst und zur Farbfeldmalerei, die Faszination für die Schönheit, die abstrahierten Architekturen und deren Details innewohnt und vor allem: das lustvolle Spiel mit der Irritation, die all den Bildern eine immense Spannung geben und dazu führen, lange zu schauen und den eigenen Blick zu hinterfragen. Auf zur Zeche Unser Fritz! -MM

„Black and White. Von Dürer bis Eliasson“

Black and White. Von Dürer bis Eliasson
Museum Kunstpalast, Düsseldorf
22.03. – 15.07.2018

Graue welt - und einfach atenberaubend: Ausschnitt der begehbaren Installation „The Collector’s House“ des belgischen Künstlers Hans op de Beeck im Museum Kunstpalast.
Graue Welt – und einfach atenberaubend: Ausschnitt der begehbaren Installation „The Collector’s House“ des belgischen Künstlers Hans op de Beeck im Museum Kunstpalast.

Alles nur schwarz-weiß? Alles öde? Von wegen! Mit Tristesse hat die schwarz-weiße oder graue Welt , die in ca. 80 Werken im Museum Kunstpalast präsentiert wird, mal überhaupt nichts zu tun. Ganz im Gegenteil, hier wurde ein plausibles Oberthema gefunden,  mit dem sich Stile und Epochen über Jahrhundete verbinden lassen. Das Schöne an solcherlei Ausstellungen ist ja gerade, dass ich mir auch Werke anschaue, die nicht unbedingt in mein typisches „Beuteschema“ fallen. So zum Beispiel unglaublich filigrane Bilder auf Glas,  die durch ein besonderes Verfahren Szenen in erstaunlichen Sepiatönen und goldenen Glanzlichtern zeigt. Oder geradezu  atemberaubend plastische Malerei, bei der die dargestellten Relieffs und Figuren so unglaublich dreidimesional wirken, dass ich mich tatsächlich zunächst vergewissern muss, ob es sich nicht doch um Skulpturen handelt. Und alles ganz ohne 3D-Brille… Zudem spart die Ausstellung (die übrigens in Zusammenarbeit mit der Londoner National Gallery entstand) wahrlich nicht mit großen Namen. Degas, Tizian, Rubens, Rembrandt, Picasso, Pollock, Richter, Piene, Uecker und so weiter. Zu sehen gibt es also wirklich genug. Favoriten? Das ist schwierig, weil ich irgendwie am liebsten jedes zweite Werk direkt einpacken würde. Also eine minimale Auswahl: Zunächst mal ist da die wunderbare „Annette sitzend“ von Alberto Giacometti. Schon oft gesehen, aber immer wieder zu bestaunen und definitiv ein „all-time-favourite“ meiner Frau, nicht nur wegen des Namens. Es ist schon faszinierend, wie es Giacometti in seinen Bildern und Skulpturen gelingt, so etwas wie eine prototypische Seele des Menschen zu pinseln und zu meißeln. Die ist ja vielleicht auch manchmal ein wenig grau. Und dann ist da definitiv „The Collector’s House“ von Hans op de Beeck. Fast am Ende der Ausstellung angelangt, betritt der Besucher durch eine unscheinbare Flügeltür einen Raum, der einem die Sprache verschlägt. Das „Haus des Sammlers“ ist ein Gesamtkunstwerk, ein Interieur aus purem Grau, ein Zimmer mit Regalen,  Wandbildern, Sitzmöbeln, Tischen, (Skulpturen von) Menschen… und alles alles alles im gleichen Grauton. Wenn dann noch weitere Besucher eintreten und in ihrer (zufälligen, also teils farbigen) Alltagskleidung kontrastierender Teil des Kunstwerkes werden – ein echtes Erlebnis! Danach dann, als tatsächlicher Schlusspunkt des Ausstellung, folgt Olafur Eliassons „Room for one Colour“. Das ist ein Raum, der in eine Art gleißendes, transluzentes Orange getaucht ist. Was das mit schwarz-weiß zu tun hat? Auch hier werden die Besucher Teil des Werkes und wirken, so man sie betrachtet – genau: schwarz-weiß. Eine schöne Volte zum Schluss!

Was ich mich an einigen Stellen gefragt habe ist dann allerdings, inwiefern der Fokus auf schwarz-weiß bei vielen der gezeigten Werke tatsächlich seine Berechtigung hat. Die Ausstellung hat es sich ja zur Aufgabe gemacht zu hinterfragen, was verschiedenste Künstler über Jahrhunderte hinweg immer wieder an der schwarz-weiß-graue Welt fasziniert hat, warum sich sich auf die extrem eingeschränkte Farbpalette eingelassen haben. Und irgendwie scheint die Antwort in den meisten Fällen einfach zu sein: warum nicht? Es gibt eben auch schwarz, weiß und grau. Und das wurde auch eingesetzt – neben vielen anderen Farben. Die schwarz-weiß-grauen Werke zu separieren, ist da eher ein Kunstgriff der Kuratoren.

Ein Beispiel: Sicher gehört das wunderbare Quadrat von Josef Albers in diese Ausstellung, doch hat er seine Quadrate in unzähligen Farbkombinationen erstellt. Die Verprobung der Farbwirkung von Schwarz- und Grautönen in der gezeigten „Study for Hommage to the Square“ ist da schlicht eine logische Konsequenz in der Arbeit Albers‘. Und ganz ähnliches könnte man über die gezeigten Werke von Ellsworth Kelly, Otto Piene, K.O. Goetz und so weiter und so fort sagen.  Sie alle haben auch Werke in schwarz-weiß erstellt; für fast alle Künstler ist die Beschäftigung mit schwarz-weiß-grauen Arbeiten offenbar spannender Bestandteil ihrer Arbeit. Aber eben nur ein Teil. Aber so ist das wohl stets, wenn eine thematische Klammer gesucht wird. Und so wäre es dann ebenso legitim, die nächste Austellung zum Thema „blau“ zu kuratieren. Und warum auch nicht? Mit welch hoher Qualität das funktionieren kann, zeigt die aktuelle Schau im Kunstpalast ja deutlich. -MM

„Pizza is God“

„Pizza is God“
NRW Forum, Düsseldorf
16. Februar bis 20. Mai 2018

Alles aus Teig? Von wegen! In Düsseldorf gibt es auch jede Menge Pizzakartons. Oder Pizza aus Stoff, in Acryl oder Öl. Nein, kein Olivenöl...
Alles aus Teig? Von wegen! In Düsseldorf gibt es auch jede Menge Pizzakartons. Oder Pizza aus Stoff, in Acryl oder Öl. Nein, kein Olivenöl…

Nun denn: die Pizza hat ihre erste hochoffizielle eigene Kunstausstellung. Zusammengetragen wurden Werke unzähliger Künstler, die sich allesamt mit dem schmackhaften Teigfladen beschäftigen. Und ja: Nahrung und essen an sich sind natürlich nicht erst seit gestern wichtiges Sujet der Kunst. Und da die Pizza mittlerweile in die Liste der immateriellen Güter des Weltkulturerbes ausgenommen wurde, bot sie sich wohl besonders an fürs Rampenlicht. „Was macht die Faszination der Pizza aus?“ – so fragt die Website zur Ausstellung, die „die kulturelle Bedeutung und ikonische Kraft der Pizza“ untersuchen will. Ein Schelm, wer beim Lesen dieser Zeilen nicht wenigstens ein bisschen grinsen muss. Durchaus haben mir einige Werke in der Ausstellung gefallen. Und die Beziehung zur Pizza hat in jedem einzelnen Sinn gemacht. Aber ich gebe zu: Die Pizza als sinnstiftendes und verbindendes Element für eine Kunstausstellung scheint mir… gewagt. Aber Kunst muss ja auch Spaß machen, und das funktioniert ganz sicher nicht schlecht zwischen Teig und Lieferkarton. Und ich wage jetzt auch mal was: Ich schlage den Burger, vielleicht in einer Doppelausstellung mit dem Hot Dog vor. Obwohl ich Pizza eigentlich lieber mag. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. –MM

„Herlinde Koelbl“

„Herlinde Koelbl“
NRW Forum, Düsseldorf
16. Februar bis 20. Mai 2018

Koelbl "unterm Dach rechts" - eine große Fotografin mit einer etwas zu kleinen Ausstellung im NRW Forum
Koelbl „unterm Dach rechts“ – eine große Fotografin mit einer etwas zu kleinen Ausstellung im NRW Forum

Der Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter e.V. hat Herlinde Koelbl in die „BFF-Hall of Fame“ aufgenommen. Keine Frage: Da gehört sie auch hin. Besonders bekannt für ihre fotografischen Langzeitstudien (zum Beispiel von Angela Merkel und weiteren Politikern und Wirtschaftsführern, die sie in ihrem wunderbaren Zyklus „Spuren der Macht“ portraitierte), hat es Koelbl in all ihren Bildern stets verstanden, Geschichten zu erzählen. Die Fotos faszinieren, seien es die Gegenüberstellungen von Menschen in ihrer Privat- und Arbeitskluft („Kleider machen Leute“), die intime Nähe in der Serie „Haare“ oder aber die „Targets“, meist Menschen nachempfundene Ziele für militärische Schießübungen auf der ganzen Welt.

Zum Anlass der Aufnahme in die Hall of Fame also wird Koelbl eine Ausstellung im NRW Forum ausgerichtet. Und von allen wesentlichen Serien ihrer Arbeit sind Teile zu sehen. Das reicht für einen ersten Überblick, und doch wird die Ausstellung Herlinde Koelbl aus meiner Sicht nicht gerecht. Zu dicht gehängt, zu viel auf zu kleinem Raum gewollt. Das ist Schade. Verdient hätte sie einen, wenn nicht gleich beide große Gebäudeflügel im Erdgeschoss des NRW Forums. Denn Koelbl ist sowohl Chronistin, einfühlsame Beobachterin, Fragestellerin und Bildkünstlerin. Eine große Fotografin. –MM