Kategorie-Archiv: Video

„Pizza is God“

„Pizza is God“
NRW Forum, Düsseldorf
16. Februar bis 20. Mai 2018

Alles aus Teig? Von wegen! In Düsseldorf gibt es auch jede Menge Pizzakartons. Oder Pizza aus Stoff, in Acryl oder Öl. Nein, kein Olivenöl...
Alles aus Teig? Von wegen! In Düsseldorf gibt es auch jede Menge Pizzakartons. Oder Pizza aus Stoff, in Acryl oder Öl. Nein, kein Olivenöl…

Nun denn: die Pizza hat ihre erste hochoffizielle eigene Kunstausstellung. Zusammengetragen wurden Werke unzähliger Künstler, die sich allesamt mit dem schmackhaften Teigfladen beschäftigen. Und ja: Nahrung und essen an sich sind natürlich nicht erst seit gestern wichtiges Sujet der Kunst. Und da die Pizza mittlerweile in die Liste der immateriellen Güter des Weltkulturerbes ausgenommen wurde, bot sie sich wohl besonders an fürs Rampenlicht. „Was macht die Faszination der Pizza aus?“ – so fragt die Website zur Ausstellung, die „die kulturelle Bedeutung und ikonische Kraft der Pizza“ untersuchen will. Ein Schelm, wer beim Lesen dieser Zeilen nicht wenigstens ein bisschen grinsen muss. Durchaus haben mir einige Werke in der Ausstellung gefallen. Und die Beziehung zur Pizza hat in jedem einzelnen Sinn gemacht. Aber ich gebe zu: Die Pizza als sinnstiftendes und verbindendes Element für eine Kunstausstellung scheint mir… gewagt. Aber Kunst muss ja auch Spaß machen, und das funktioniert ganz sicher nicht schlecht zwischen Teig und Lieferkarton. Und ich wage jetzt auch mal was: Ich schlage den Burger, vielleicht in einer Doppelausstellung mit dem Hot Dog vor. Obwohl ich Pizza eigentlich lieber mag. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. –MM

“DIE GROSSE 2018”

“DIE GROSSE 2018”
Museum Kunstpalast, Düsseldorf
28. Januar 2018 – 18. Februar 2018

Ganz schön gross - auch von oben... Ausstellungsansicht von Etage 2 nach unten in Düsseldorfs Künstlerschau "Die Grosse 2018"
Ganz schön gross – auch von oben… Ausstellungsansicht von Etage 2 nach unten in Düsseldorfs Künstlerschau „Die Grosse 2018″

Gebt zu, Ihr habt schon auf unseren Beitrag zur diesjährigen Ausgabe der beliebten Düsseldorfer Kunstausstellung „DIE GROSSE“ gewartet!
Wie schon in den Jahren zuvor lohnt sich der Besuch auch heuer (s.a. vorherige Reviews 2015, 2016 und 2017). Denn: Viele der ausgestellten Arbeiten – präsentiert werden rund 160 Künstlerinnen und Künstler – sind wirklich großartig!
Besonders gefallen haben mir z.B. die Fotomontagen von Ralf Werner Fast – man muß schon genau hinschauen, um die dort dargestellten verfremdeten Bauwerke zu begreifen. Es gibt aber auch diverse auf den ersten Blick scheinbar „unverfälschte Fotos“, die wirklich toll sind: So z.B. die Arbeiten von Anja Bohnhof („Tracking Ghandi Salzmarsch“). Ebenso die von Ralf Janowski („Acker – Kevelaer“, „Jagdhochstand – Stenden“ und „Wettener Busch – Kevelaer“). Und natürlich das großformatige „Opernhaus Köln“ von Boris Becker. In meinen Augen „Farbe pur“ gibt es bei Lydia Mammes Acrylbildern „Volume IV“ und „Volume I“. Aber auch bei Raymund Kaisers Großformaten „BLDH7 (250114) und BRH1 (240214) – in beiden Fällen eine nahezu monochrome Kombination aus Öl und Lack auf HDF Schichtplatten. Bei den fast immer quadratischen Formaten der diesjährigen Kunstpreisträgerein Sybille Pattscheck handelt es sich um klassische Enkaustik-Arbeiten auf Acrylglas. Auch hier stehen „Material“ und „Farbgebung“ im Vordergrund und nicht das „realistische Abbild“.
Als „schlicht und ergreifend“ würde ich die Arbeit(en) von Nina Brauhauser bezeichnen: an der Wand Fotografien von je einer geschwungenen feinen Linie, am Boden davor die dazu passende Aluminium-Skulptur „along the line“. Um Linien geht es auch bei den in meinen Augen wunderschönen Papierarbeiten von Frank Weidenbach – hier sind sie jedoch äußerst akkurat zu filigranen Karos verarbeitet worden.
Es gibt aber auch erfrischende Kunstwerke, an denn ich hängen bleibe, ohne gleich den Wunsch „haben!“ zu verspüren. So z.B. die große organische Skulptur aus rosa-weißen Wattestäbchen von Ulrike Walthemathe – was für eine Idee! Gleiches gilt für Beate Höigs überdimensionierte Kette aus zahlreichen Vasenförmigen Gebilden.
Natürlich kann man auch in diesem Jahr alle ausgestellten Arbeiten kaufen. Infos zu Preisen und Detailinformationen zu den Künstlern erhält man bei den größeren Werken über einen ausführlichen Katalog (€ 20). Bei den unter der Rubrik „Das kleine Format“ ausgestellten Bildern steht der Kaufpreis direkt unter dem Bild. Das absolute Highlight hier: Zwei Fotomontagen des Künstlerduos Oster + Koezle, die mit ihren Werken übrigens schon seit 1999 auf der GROSSEN vertreten sind (und inzwischen schon dank der GROSSEN mit zwei Arbeiten in unserer Wohnung hängen :-) -AEK

„Axel Hütte. Night and Day.“

Axel Hütte. Night and Day.
Museum Kunstpalast, Düsseldorf
23. September 2017 – 14. Januar 2018

Hütte bei Tag und bei Nacht: Feiner Katalog zur Ausstellung im Museum Kunstpalast, erschienen bei Walther König
Hütte bei Tag und bei Nacht: Feiner Katalog zur Ausstellung im Museum Kunstpalast, erschienen bei Walther König

Auf geht’s zum zweiten Teil Axel Hütte! Über die „Frühwerk“ Ausstellung im Bottroper Quadrat haben wir schon hier im Blog berichtet. Unter dem Titel „Night and Day“ sind parallel im Düsseldorfer Kunstpalast Hütte-Arbeiten von Mitte der 90er Jahre bis heute zu entdecken. Über 70 großformatige Aufnahmen seit 1995 zeigt die Ausstellung, und das ist wirklich beeindruckend (keine Frage: die monumentalen Formate tragen ihren Teil dazu bei). Verdichtete Naturaufnahmen aus Brasilien und Venezuela, in denen sich ein Dschungel als eine Art Wimmelbild anbietet, aus dem sich hunderte von Details langsam ins Bewusstsein arbeiten, so man sich denn etwas Zeit dafür nimmt. Nachtaufnahmen, die internationale Metropolen innehalten lassen, nebelumhüllte Wälder, Stille, Einsamkeit. Und alles stets eingefangen von genau gewählten ungewöhnlichen Standpunkten, die mich als Betrachter leicht verunsichern. Dann wieder strenge Kompositionen in riesigen Formaten wie beispielsweise die rautenförmige Struktur in „Seattle Library-2, USA“ oder die verschiedenen Bilder von Brückenkonstruktionen in Japan, Australien oder auch Deutschland. Und dann sind da noch Arbeiten aus der Antarktis, ganz neu, erst 2017 entstanden. Im tiefblauen „Paradise Bay, Antarctic, 2017“ bin ich lange versunken. Ein bisschen wie die „Seascapes“ von Hiroshi Sugimoto. Nur mit Eis. Stark. -MM

„Documenta 14“

„Documenta 14“
Kassel
10.06. – 17. 09.2017

Documenta: "Pantheon der Bücher"; "Liegen statt stehen"
Documenta draußen. Im Hintergrund der Pantheon der Bücher, vorne links innen als Wohnräume gestaltete Röhren: „Liegen statt stehen“ von Hiwa K.

Eines gleich vorweg: Ja, Teile der Documenta haben auch in Athen stattgefunden (8.4.-16-7-). Wir aber waren „nur“ in Kassel, und darum also soll’s hier gehen. Wobei das nicht bedeutet, dass im teils beschaulichen Hessen nicht jede Menge Griechenland steckt – zumindest, was die Kunst angeht. So wird das Museum Fridericianum, quasi traditionelle Documenta Hauptspielstätte, zum Athener Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST): Erstmals wird in Deutschland die EMST-Sammlung gezeigt, während das (ganz neue) Athener Museumsgebäude vollständig zum Documenta-Spielort wird. Und der Griechische Touch steht dem Fredericianum gut! Spannend zum Beispiel die Installation Acropolis Redux (The Director’s Cut) (2004) des Südafrikaners Kendell Geers. Ein riesiges Stacheldrahtlager, das so manche aktuelle Assoziation zulässt. Überzeugend auch Costas Varotsos auf Glas gedruckte, dann zerbrochene Flaggen (Ohne Titel, 2017) diverser Staaten, die den Boden eines ganzen Raumes im Turm bedecken und plakativ aber doch filigran viel über unsere Gegenwart sagen. Dafür hat sich das Anstehen (es dürfen immer nur wenige Personen eintreten) allemal gelohnt. Zugegeben, vieles der weiteren EMST-Sammlung erscheint im Documenta Kontext dann doch geradezu traditionell und nicht sonderlich verstörend. Aber vielleicht macht gerade das die Schau im Fredericianum zur kontrapunktischen Oase, die der an vielen Stellen bemüht wirkenden Documenta 14 durchaus gut tut.

Unübersehbar auf dem Friedrichsplatz thront Der Pantheon der Bücher (1983/2017) von Marta Minujins. Dieses Scheingebäude, dessen Säulen mit unzähligen verbotenen Büchern bestückt sind (mitbringen erlaubt!) kommt zunächst aus der Ferne beeindruckend daher, während sich die pompösen architektonischen Strukturen dann beim Näherkommen in profane Baugerüste verwandeln. Und beim Wandeln durch die Säulen stellt man verwundert fest, welcherlei Bücher schon irgendwo auf der Welt verboten waren oder sind. Mir wäre Harry Potter zumindest nicht direkt eingefallen…

Ansonsten sind natürlich die über die Stadt verteilten Ausstellungsorte an sich schon sehenswert. Die Documenta Halle als interessanter Museumsbau (mein Favorit dort: Die Arbeit „Sound on Paper“ – Soundinstallation für gerahmtes Papier, Lautsprecher, Oszillator – des Amerikaners Alvin Lucier). Der wild rauchende Zwehrenturm am Fredericianum als Kunstwerk von Daniel Knorr. Die Neue Hauptpost, deren Verladebereich kurzerhand umfunktioniert wurde und sich als „Neue Neue Galerie“ mit nicht immer einfach zu durchschauender Kunst in authentischem Industriecharme schmückt. Und natürlich der stillgelegte U-Bahnhof, der in der Tat eine einzigartige Location ist und den man durch einen rostigen Container auf dem Bahnhofsvorplatz betritt, der gleich Assoziationen zum Thema Flüchtlinge aufkommen lässt. Aber all das ist nur ein Ausschnitt, der Ausstellungsorte gibt es noch viele mehr. Und viel Kunst. Und viel Aussage. Und – wie schon oben angemerkt – viel Bemühen um Aussage, was manchmal etwas angestrengt daherkommt.

Aber was macht die Documenta nun stets irgendwie besuchenswert? Vielleicht ist es die Tatsache, dass ein ansonsten ganz normales, in vieler Hinsicht durchschnittliches Städtchen alle fünf Jahre für mehrere Monate verwandelt wird. Besucher aus der ganzen Welt, Kunst überall, eine Mischung aus Avantgarde und Reihenhaus, Happening und Wiesen-Picknick. Da entsteht eine feine Atmosphäre, die sich gut anfühlt. Also dann: Entweder bis Mitte September hin – oder 5 Jahre warten. -MM

„Signal – Lichtkunst aus der Sammlung Robert Simon“

Signal – Lichtkunst aus der Sammlung Robert Simon
Kunstmuseum Celle, Celle
19.März – 13. August 2017

Modernes Kleinod in historischer Umgebung: Das Kunstmuseum Celle setzt auf Licht
Modernes Kleinod in historischer Umgebung: Das Kunstmuseum Celle setzt auf Licht

Das ist ja mal was wunderbar schräges! Ein 24-Stunden-Museun! Ein was? Ja, genau. Im – beziehungsweise am – Kunstmuseum Celle gibt es rund um die Uhr was zu sehen. Tagsüber drinnen und gegen Eintritt, bei Dunkelheit dann draußen, rundherum und kostenlos. Und so kann sich das Kleinod am Rande der historischen Altstadt tatsächlich das „erste 24-Stunden-Kunstmuseum der Welt“ nennen. Das wäre vielleicht nicht viel mehr als ein netter Gag. Wenn – ja, wenn – da nicht die wirklich spannende Sammlung wäre. Robert Simon, gleichzeitig offenbar großer Kunstliebhaber, Sammler, Museumsgründer und künstlerischer Leiter im Celler Haus, hat nämlich nicht nur eine frische Museumsidee, sondern auch eine sicher subjektiv zusammengestellte, aber vielleicht gerade deshalb umso interessantere Kunstkollektion zusammengetragen. Da finden sich zum Beispiel tolle Arbeiten von Otto Piene (der eigens für das Museum einen Lichtraum installiert hat, der dem in Düsseldorf zu sehenden ZERO-Raum mindestens in nichts nachsteht) oder auch großformatige Bilder von Dieter Krieg, die nur so strotzen von dicken Ölfarbschichten. Wesentlicher Schwerpunkt der Sammlung ist jedoch die Lichtkunst. Und in der aktuellen Ausstellung „Signal“ wird dem in allen Facetten Rechnung getragen. Weit über 40 Arbeiten von fast 40 Künstlerinnen und Künstlern leuchten, flimmern, blinken den Besucher an und lassen ihn staunen. Mein besonderer Favorit: Die Skulptur (oder Installation?) „III“ von Siegfried Kreitner. Eine stehende Plexiglas-Röhre, in der sich blau schimmernde kreisförmige Neonröhren fließend gegeneinander nach oben und unten bewegen. Schwer zu beschreiben, unglaublich toll anzusehen. Ein schon fast meditatives tolles Stück Kunst. Nach ausgiebigem Kunst-gucken sind wir dann auch noch der Kuratorin und stellvertretenden Museumsleiterin Dr. Julia Otto in die Arme gelaufen. Und die hat uns sofort mit so viel Begeisterung, Spaß und Hintergrund von „ihrem“ Museum, der aktuellen und auch von folgenden Ausstellung berichtet, dass es einfach eine Freude war. Ich gebe zu: Bislang hatte ich das Kunstmuseum Celle nicht auf dem Schirm. Das hat sich jetzt in jeder Hinsicht geändert. Wir kommen wieder! -MM

„Die Grosse Kunstausstellung NRW 2017“

„Die Grosse Kunstausstellung NRW 2017“
Museum Kunstpalast
19. Februar – 12. März 2017

"Grosse" Kunst in Düsseldorf: Ein "Systemmer" von David Fried umgeben von Kollegen
„Grosse“ Kunst in Düsseldorf: Ein „Systemmer“ von David Fried umgeben von Kollegen

Alle Jahre wieder – das hört sich nach langweiliger Routine an. Aber mitnichten! „Die Grosse“ ist immer wieder ein Highlight im Düsseldorfer Kunstbetrieb. Bekannte und weniger bekannte Künstler, junge und alte, Bildhauer, Maler, Fotografen. Ein großer Genuss für Auge, Herz und Hirn. Und eine große Versuchung, sind doch fast alle ausgestellten Arbeiten käuflich. Hier stellen wirklich sehr viele tolle Künstlerinnen und Künstler aus – es gibt jede Menge zu sehen.

Sofort begeistern mich zum Beispiel einige orangerote Skulpturen, filigrane Geflechte, die wie Seifenblasen-Skelette fast schwebend den Boden kaum berühren. Mir kommen die „In Bed with Lucy and Dolly“ Arbeiten von David Fried in den Sinn (tatsächlich Photogramme von Seifenblasen) – und wirklich: Treffer! Die „Systemmer“ Skulpturen sind von Fried. Und am liebsten würde ich eine mitnehmen. Aber da reichen weder Platz noch Geldbeutel…

Und dann ist da „City Squash“, die fantastische Fotografie eines Squash Courts von Bianca Voss. Wand, Boden, Spielfeldlinien bilden eine sehr grafische Komposition. Die durch abertausende Ballberührungen abgenutzte Wand lässt einen das trockene „Plock“ unzähliger Spiele geradezu hören. Trotz Leere und Abwesenheit ist die Aura der Spieler noch deutlich da. Schönheit und Tristesse… Das ist wunderbar!

Oder die Arbeit „Casa“ von Christine Erhard, die wie eine Kombination aus Fotografie und Grafik wirkt, den Betrachter in verrätselte Architekturen und Geometrien zieht. Ich finde Linien und Flächen, suche nach dem Abbild einer Fassade? Eines Innenraumes? Da hat man lange zu schauen.

Kurz und gut: „Die Grosse“ ist immer wieder toll. Nicht verpassen. Und auch für 2018 schon rot im Kalender ankreuzen! -MM

„Welt oder Photographie als soziale Praxis“

„Welt oder Photographie als soziale Praxis“
Hochschule Düsseldorf
Düsseldorf Photo Weekend 2017
03. bis 05.02.2017

Tolle Fotografie hinter Hochschul-Fassade: Der Nachwuchs punktet beim Photo Weekend
Tolle Fotografie hinter Hochschul-Fassade: Der Nachwuchs punktet beim Photo Weekend

Ein schon von außen architektonisch spannender Campus ist das allemal, was die Hochschule Düsseldorf an der Münsterstraße zu bieten hat. Während des Düsseldorf Photo Weekend 2017 ist aber auch das Innenleben ein besonderer Hingucker. Mareike Foecking (hier im Blog haben wir schon ihre Ausstellung 2016 im NRW Forum besprochen), ihrerseits Professorin an der Peter Behrens School of Arts/HSD, hat die Ausstellung mit Arbeiten von Studierenden kuratiert. Herausgekommen ist eine sehenswerte Schau, in der man viel Zeit verbringen kann, spannende Ansätze von (zumeist) fotografischen Arbeiten findet und ebebso Gespräche mit den Künstlern, die zum Teil anwesend sind und freudig Auskunft geben. Aus der riesigen Anzahl der Ausstellenden nenne ich hier stellvertretend Luisa Laustroer, die mit der gezeigten Serie „Hübsch“ eine feministische Position einnimmt und die Gleichberechtigung der Geschlechter vor dem Hintergrund aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen fokussiert. Ein inspirierendes Gepräch! Alles in allem ein unbedingt lohnender Besuch. Drei Tage sind für diese Ausstellung definitiv viel zu wenig. Schon für die Fotobücher könnte man Stunden aufbringen. Alle Beteiligten hätten mehr Zeit und damit auch (noch) mehr potentielle Besucher verdient. Ich freue mich auf eine Fortsetzung! -MM

„Geliebte Feinde – Symbolismus heute: von Peter Doig bis Thomas Schütte“

„Geliebte Feinde – Symbolismus heute: von Peter Doig bis Thomas Schütte“
Clemens Sels Museum, Neuss
23.10.16 bis 19.02.17

Bjørn Melhus in Neuss - der Flyer zur Ausstellung
Bjørn Melhus in Neuss – der Flyer zur Ausstellung

Und wieder einmal lockt das kleine Clemens Sels Museum mit großen Namen! Denn derzeit zu Gast in Neuss sind Peter Doig (GB), Bjørn Melhus (NO), Thomas Schütte (D) und Christoph Worringer (D), allesamt international agierende Künstler.
Der Titel der noch bis zum Februar 2017 andauernden Sonderaustellung lautet „Geliebte Feinde – Symbolismus heute“ und bezieht sich lt. hauseigener Webseite auf „die Faszination und die Lust am Umgang mit vieldeutigen, symbolisch aufgeladenen Bildern“ der vier eingangs genannten Kunstschaffenden. Gezeigt werden insgesamt ca. 80 Werke: klassische Tafelbilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Skulpturen und Videos.
Letztere stammen von Bjørn Melhus und begeistern mich mal wieder auf ganz besondere Art. Wieso? Das kann ich eigentlich gar nicht genau beschreiben. Schon im Foyer werde ich magisch angezogen vom erotisch hypnotisch anmutenden Soundtrack seines ca. 5-minütigen Kurzfilms „no sunshine“ aus dem Jahr 1997. Im zweiten Stockwerk ist es dann soweit: In einem Orange-farbenem Vorführraum werde ich Zeuge einer unglücklichen Liebesbeziehung zwischen zwei Melhus-Klonen im Star Trek Look mit Playmobil-artiger Plastikfrisur. Scheint anfänglich noch alles hell und heil, so endet das Ganze wie von einem bösen Virus aus dem Weltall infiziert unglücklich im Dunkeln, eben ohne sunshine. Schade – ich hätte den beiden wirklich mehr Glück in der Liebe gewünscht! Auf einem recht kleinen Bildschirm mit Kopfhörer gibt es noch weitere Melhus-Werke zu bestaunen. So z.B. „blue moon“ – Melhus als blauer Schlumpf in einer amerikanischen Wüste, der als europäischer Exportschlager den gleichnamigen Elvis-Presley-Hit zum Besten gibt – oder „Zauberglas“ – Melhus in einer Doppelrolle als junges Mädchen in einem Fernseh-Bildschirm und als sich rasierender stattlicher Herr vor der Mattscheibe.
Nun gibt es zu all diesen Video-Werken natürlich ausgiebige kunstwissenschaftliche Erklärungen. Wer ein wenig hin und her googelt, stößt zum Beispiel auf hergeleitete Parallelen zu Rainer Werner Fassbender oder gar zu Platon. Da halte ich es etwas schlichter und lasse die Melhus-Arbeiten mal einfach so auf mich wirken. Und dabei frage ich mich – zumal mir der Zugang zu Video-Kunst oft nicht leicht fällt – warum gerade diese fantastischen One-Man-Shows so faszinierend sind. Die Musik? Der riesige Spieltrieb und die Verkleidungslust, die mir aus den Bildern entgegenkommen? Die Ironie als ständiger Begleiter? Ganz ehrlich, ich bin mir noch nicht sicher. Aber eines ist klar: ich schaue weiter und genieße… -AEK

 

„gute aussichten 2016/2017: junge deutsche Fotografie“

gute aussichten 2016/2017: junge deutsche Fotografie
NRW Forum, Düsseldorf
19.11.2016 – 15.01.2017

Eröffnung der Ausstellung "gute aussichten 2016/2017"
Gute Aussichten für Düsseldorf und die junge deutsche Fotografie: Volles Haus bei der Eröffnung von „gute aussichten 2016/2017″ im NRW Forum

Schon zum 13. Mal wird unter dem Label „gute aussichten“ junge deutsche Fotografie präsentiert. Eine Fachjury aus Fotoexperten verschiedenster Couleur, immer wieder auch prominente Namen (diesmal zum Beispiel die wunderbare Herlinde Koelbl; wir haben hier im Blog ihre Retrospektive in Oberhausen besprochen), kürt die Abschlussarbeiten von Absolventinnen und Absolventen deutscher Foto-Hochschulen. Und dann gehen die Arbeiten auf Tour, nicht nur durch die deutschen Top-Museen für Fotografie, sondern auch an internationale Ausstellungshäuser. Hier im artreview Blog haben wir schon über die guten aussichten Nummer 11 (2014/2015) berichtet, bei denen ich erstmals auf die wunderbaren Fotografien von Andrea Grützner (unbedingt anschauen!) gestoßen bin.

Nun aber heißt es erstmals: Auftakt von „gute aussichten“ im Düsseldorfer NRW Forum. Das gefällt mir natürlich nicht nur, weil es sich hier um eine wirklich gute Adresse für Fotografie handelt, sondern (nicht ganz uneigennützig) auch, weil ich das NRW Forum in wenigen Minuten erreichen kann. So nehmen wir die freundliche Einladung der Ausstellungsmacher zur Eröffnung also nur zu gerne an – und das hat sich mehr als gelohnt!

Sieben Preisträgerinnen und Preisträger zeigen eine große Palette von Fotokunst in ihrer ganzen Vielfalt. Der rote Faden? „Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden entdecken“, wie es die gute aussichten Macher selber beschreiben. Und das trifft es gut: Die einen reisen für ihre Aufnahmen in die Fremde, um dort als Fremde selbige zu erfahren. Andere bringen die eigene, ihnen innewohnende Fremde aufs Fotopapier. Wieder andere erforschen das Fremde vor der eigenen Haustür.

Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org
Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org

Zu den letztgenannten gehört die Fotografin Julia Steinigeweg, die die Arbeiten ihrer Serie „Ein verwirrendes Potenzial“ zeigt. Aber was genau sehe ich da eigentlich? Einzelporträts, die Hinterköpfe im Anschnitt zeigen? Dann wieder Menschen, die in äußerst stillen Momenten innige Zweisamkeit teilen? Ein Baby? Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das Geheimnis der Bilder: Immer ist ein Protagonist eine Puppe. Lebensecht, realistisch. Und das ist der Moment, in dem es einen packt. Bilder von großer Zärtlichkeit, die sich da zwischen Mensch und Puppe abspielt. Und gleichzeitig strahlt eine immense Einsamkeit aus den Bildern. Eine Geborgenheit, die zugleich ein Stück Trostlosigkeit spiegelt. Irgendetwas dazwischen. Eine Puppe als Partner? Eine Puppe als Babyersatz? Und all das in Bildkompositionen, die zum Teil geradezu malerisch, dann wieder fast grafisch daherkommen.

Im Gespräch sagte mir Julia Steinigeweg, dass sie für ihre Darstellung durchaus auch kritisiert würde, dass man ihr beispielsweise vorgeworfen habe, in ihren Bildern keine klare Haltung zu zeigen. Dem wäre einiges entgegenzusetzen.

Julia Steinigeweg dokumentiert, ohne Dokumentarfotografie zu machen. Sie setzt künstlerisch in Szene, komponiert und verdichtet Bilder. Bilder, die den Betrachter fesseln, verwirren, vielleicht anstoßen zu weiteren, eigenen Gedanken. Über das Fremde und das Eigene. Und bei all dem ist der Blick der Fotografin durch großen Respekt gegenüber ihrem Sujet und den gezeigten Menschen gekennzeichnet. Etwas verstörend und sehr berührend. All das kann man übrigens auch zu Hause erkunden: „Ein verwirrendes Potenzial“ ist auch als wirklich schön gemachtes Buch bei Peperoni Books erschienen.

Neben Julia Steinigeweg von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg wurden sechs weitere Fotografinnen und Fotografen prämiert. Jede einzelne dieser Abschlussarbeiten ist sehenswert, und wenn ich schon nicht auf alle eingehe, sollen hier zumindest auch die weiteren Preisträger/innen genannt werden:

  • Miia Autio // Variation of White // Fachhochschule Bielefeld
  • Chris Becher  // Boys // Kunsthochschule für Medien Köln
  • Carmen Catuti // Marmarilo // Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Andreas Hopfgarten // Die Weltesche Yggdrasil oder die Suche nach einer verlorenen Erinnerung // Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
  • Holger Jenss // Last Chance Junction // Kunsthochschule Kassel
  • Quoc-Van Ninh // Tenebrae // Hochschule für Künste Bremen

Nach dem Auftakt in Düsseldorf stehen für den aktuellen Ausstellungszyklus von gute aussichten 2016/2017 schon Hamburg, Nicosia, Mailand und Koblenz fest. Weitere Orte werden folgen – ein regelmäßiger Blick auf die gute aussichten Website hilft weiter. Es gibt also noch viele Möglichkeiten, diesen tollen Einblick in die junge deutsche Fotoszene zu entdecken. Nicht entgehen lassen! -MM

„MACBA Collection 31“

MACBA Collection 31
MACBA – Museu D’Art Contemporani de Barcelona, Spanien
17.06.2016 – Juni 2017

Kunst im kurvenreichen Richard Meier Bau: Das MACBA in Barcelona
Kunst im kurvenreichen Richard Meier Bau: Das MACBA in Barcelona

Ein weißer Bau von Richard Meier, der sich kräftig von den umliegenden Gassen abhebt – so setzt das Museum für zeitgenössische Kunst in Barcelona schon architektonisch ein zeitgenössisches Ausrufezeichen (und bietet gleichzeitig auf dem Vorplatz reichlich Raum für ebenfalls sehr zeitgenössische Skater, denen man prima zuschauen kann). Aber hier soll es ja um das Innenleben gehen – also nichts wie rein!

Erfahrung, Zeit und Konflikt – das sind die drei Hauptthemen, mit denen sich die Ausstellung „MACBA Collection 31“ beschäftigt. Und dabei setzt man ausschließlich auf Werke aus der hauseigenen Sammlung. Motto: Die eigene Sammlung ist der Kern für die Identität eines Museums und bestimmt gleichzeitig dessen Fähigkeit, mit der Gegenwart zu korrespondieren, mit künstlerischen Positionen Fragen aufzuwerfen, manchmal auch Antworten, immer jedoch Denkanstöße zu geben. Und das gelingt: Über 80 Werke von 50 Künstlern aus fünf Jahrzehnten werden präsentiert und beleuchten auf vielfältige Weise grundlegende, teils archaische, immer aber auf eigene Art aktuelle Themen. Auf den Punkt bringt das zum Beispiel eine wunderbare Installation von Hans-Peter Feldmann, in der 100 Porträt-Fotografien chronologisch in einem Raum angeordnet sind. Jedes Foto zeigt ein anderes Familienmitglied, jedes steht für ein Lebensjahr. So betrachtet man Menschen im Alter von 0 bis 100 Jahren, verfolgt das Nebeneinander der Generationen und auch das grundsätzliche Älterwerden, die Vergänglichkeit, aber auch den Neuanfang. In der Mitte des Raumes steht ein Blumenstrauß in einer Vase und verwelkt langsam. Pathetisch? Vielleicht, aber wirksam. Ich habe mich lange in diesem Raum aufgehalten. Einen Eindruck der gesamten Ausstellung (auch des Feldmann-Raumes) kann man sich übrigens online verschaffen: Auf der MACBA-Website findet sich unter „Explore the exhibition at home “ ein Link zur virtuellen Tour (hier im Blog natürlich auch)! -MM