Alle Artikel von Marcus

„MichaeI Wolf – Life in Cities“

MichaeI Wolf – Life in Cities
17.November 2018 – 3.März 2019
Deichtorhallen – Haus der Photographie, Hamburg

Freie Hängung: Hongkonger Hochhäuser schweben in den Hamburger Deichtorhallen. Ausstellungsansicht der Schau "Michale Wolf - Life in Cities"
Freie Hängung: Hongkonger Hochhäuser schweben in den Hamburger Deichtorhallen. Ausstellungsansicht der Schau „Michale Wolf – Life in Cities“

Michael Wolf ist ein Fotograf der verdichteten Urbanität. Da, wo Millionen Menschen auf engstem Raum miteinander, nebeneinander leben, findet er seine Motive, seine Motivserien. Und seine Wahlheimat Hongkong bietet sich da geradezu an als Inspirations- und Dokumentationsquelle, als Fundgrube für Motive. Aber auch Tokio, Chicago oder Paris nutzt Wolf, um Bevölkerungsverdichtung und Massenkonsum, um Privatsphäre und ihr stetes Fehlen ebenso wie das klassische, jeder Fotografie innewohnende Sujet des Voyeurismus zu beleuchten.

Und die Bilder sind wirklich atemberaubend. Angefangen mit einer seiner ersten Serien, die das Leben in einer Ruhrgebiets-Siedlung in Bottrop zeigt und noch stark dokumentarisch geprägt ist, geht es rasch in die weite Welt. Die Portraits von Fahrgästen der U-Bahn in Tokio, die in der Rush Hour ihre Gesichter an die feuchten Scheiben pressen, lassen den Besucher die Enge fast körperlich miterleben und strahlen gleichzeitig eine fast obszöne Ästhetik aus. 100 Portraits von Bewohnern eines typischen Hongkonger Hochhaus-Komplexes, die sich in ihren 9 Quadratmeter großen Wohnungen präsentieren, aufgenommen mit großem Weitwinkel, nehmen das Thema der Enge, der Lebensbedingungen in Megacities ebenfalls auf. Und die Präsentation dieser Fotografien verstärkt das Erlebnis noch: Im Museum ist eine solche – allerdings leere – Wohnung aus Sperrholz nachgebaut; die Portraits sind sorgfältig in Serie an dreien der Holzwände aufgereiht. Und wir stehen in dieser abstrakten Holzwohnung, sehen um uns herum die vielen Bewohner, stehen anderen Besuchern fast auf den Füßen, mindestens aber im Weg und erleben auch hier Verdichtung, diesmal noch realer. Das sitzt.

Dann die Hochhausbilder aus Hongkong. Wolf lässt Himmel und Erde weg, beschränkt sich bei den großformatigen Fotografien auf reine Hausfassaden und schafft so etwas wunderbares: Die Bilder wirken abstrakt und in ihrer abgebildeten Serialität ungeheuer ästhetisch. Das sind Kunstwerke, in denen man sich schnell verlieren kann. Und während man das tut, wird parallel klar, dass es sich ja auch hier um Wohnhäuser handelt. Hier wohnen Menschen, tausende, zehntausende. Wie leben diese Menschen? Würde ich so leben wollen? Und doch, diese brutalistische Architektur ist …schön.

Und auch die anderen gezeigten Werkserien Wolfs haben diese unglaubliche Ausstrahlung. Die Skyscraper Chicagos, die ganz im Gegensatz zur Hongkonger Betonarchitektur durch ihre Transparenz tiefe voyeuristische Einblicke erlauben, noch verstärkt durch ausgeschnittene Details, die in ihrer vielfachen Vergrößerung verpixelte, vermeintlich unbeobachtete Menschen in ihrem Alltag zeigen. Oder die Pariser Dächer, die die täglich millionenfach fotografierte Stadt in ganz anderer, abstrakter Schönheit abbilden. Und schließlich, im Zentrum der Ausstellung, die riesenhafte Wandinstallation „The Real Toy Story (2004–2018)“. 20.000 Plastikspielzeuge aus China, greifbar gemachte industrielle Massenproduktion in ungeheurem Ausmaß, rahmen sensible Portraits der Arbeiterinnen und Arbeiter, die diese Spielzeuge herstellen, ein.

Was soll ich noch sagen? Das ist mal wirklich eine rundum überzeugende Ausstellung. Und auch der Katalog überzeugt mit Umfang und toller Qualität. Also: Alles zusammen kurz vor Jahresende für mich ein absolutes Highlight. Hingehen – ansehen! -MM

„Emil Schumacher – Inspiration und Widerstand“

Emil Schumacher – Inspiration und Widerstand
Museum Küppersmühle, Duisburg
15. November 2018 – 10.März 2019

nformeller Innenhafen - Emil Schumacher im Museum Küppersmühle
Informeller Innenhafen – Emil Schumacher im Museum Küppersmühle

Emil Schumacher im Museum Küppersmühle. Wie wunderbar! Gut 80 Arbeiten aus 5 Jahrzehnten und ein echtes Erlebnis! Im Foyer begrüßt uns eine riesenhafte Fotografie des Ateliers von Emil Schumacher. Vor vielen Jahren hatten wir tatsächlich die Möglichkeit, dieses Atelier (als es noch am ursprünglichen Ort existierte) mit Schumachers Sohn Ulrich zu besuchen – und die Erinnerung ist sofort wieder da: Farbe über Farbe, Dosen, Tuben, Pinsel, Quaste, Stöcke, einfach alles. Zentimerterdicke Farbschichten wuchern über eine Staffelei, fast ein eigenes Kunstwerk. Und irgendwie stömt Informel aus allen Ecken.

Und das gilt auch für die Duisburger Ausstellung. Hinter dem Atelier-Foto startet sie mit Werken aus den 50er Jahren – noch deutlich weniger abstrakt – und führt bis zum letzten Bild aus dem Jahr 1999. Das tolle an den Arbeiten Emil Schumachers ist für mich immer wieder, dass jedes einzelne Werk unglaublich kraftvoll von seiner eigenen Entstehungsgeschichte erzählt. Da werden dickste Farbschichten auf den Untergrund geworfen, gerakelt und geritzt, geschrundet, Lack und Asphalt genutzt, es wird ausgekratzt, Stein, Asche, alles eingesetzt, wieder zerstört, zerhämmert … Bis sich dann schließlich aus all dem ein atemberaubendes Bild herausschält.

Eine tolle Retrospektive, deren Besuch sich allemal lohnt. Auch zu empfehlen: Der schön gemachte Katalog aus dem Wienand Verlag (im Museum 25,- Euro), der die Ausstellung nochmals Revue passieren lässt und zeigt, warum Emil Schumacher einer der wichtigsten Deutschen Nachkriegskünstler ist. Wer den Besuch bis März nächsten Jahres nicht schafft: Das wunderbare Emil Schumacher Museum in Hagen ist ebenfalls immer einen Besuch wert. Und dort findet man durchgehend reichlich Arbeiten von ihm (und übrigens auch das dort in Teilen nachgebildete Atelier!) -MM

„HABITAT – Lukas Frese // Malerei“

„HABITAT – Lukas Frese // Malerei“
Galerie Augarde, Daun
17. November 2018 – 16. Februar 2019

Ausstellungsansicht "HABITAT - Lukas Frese // Malerei" in der Galerie Augarde, Daun
Sonnige Zeiten für Kunst in der Eifel: Ausstellungsansicht „HABITAT – Lukas Frese // Malerei“ in der Galerie Augarde, Daun

Die kleine aber feine Galerie Augarde im schönen Eifelstädtchen Daun überrascht immer wieder mit spannenden Ausstellungen zeitgenössischer Künstler. Galeristin Stefanie Mayer-Augarde zieht da keine Grenzen – ob Malerei, Grafik, Skulptur, Fotografie … wesentlich ist die Qualität. Und so werden aktuell noch bis Mitte Februar 2019 Werke des Münchner Malers Lukas Frese in der Einzelausstellung HABITAT präsentiert. Frese zeigt zum Beispiel Stadtansichten, Landschaften, aber auch Portraits. Fast allen gemeinsam ist eine Kombination aus fein ausgearbeiteten Details mit Blöcken, die die Bilder teilweise fragmentieren, fast schon verpixeln. Ganz besonders haben mir zwei Frauenportaits gefallen, die sich in einer melancholischen Stimmung aus fast monochromen Hintergünden herausarbeiten. Doch Teile der Gesichter werden wieder herausgelöscht, Frese übermalt, setzt eine Rolle ein als Malwerkzeug, abstrahiert, verallgemeinert das figürliche Bild und lässt es so ein Stück weit allgemeingültig werden. Ich habe lange vor den beiden Bildern gestanden und mich sehr gefreut, sie zu entdecken. An einem Samstagnachmittag mitten in der Eifel. Wer hätte das gedacht? -MM

 

„PS: Ich liebe Dich. Sportwagen-Design der 1950er bis 1970er Jahre“

PS: Ich liebe Dich. Sportwagen-Design der 1950er bis 1970er Jahre
Museum Kunstpalast, Düsseldorf
27. September 2018 – 10. Februar 2019

Palast als Parkplatz - das Museum Kunstpalast wird zur exklusivsten Garage Düsseldorfs
Palast als Parkplatz – das Museum Kunstpalast wird zur exklusivsten Garage Düsseldorfs

Da schau her: Das Museum Kunstpalast wird ruck-zuck zur exklusivsten Garage Düsseldorfs. Bilder an der Wand sucht man vergebens, dafür aber steht alles voller Skulpturen. Fahrzeug-Skulpturen. Historisch automobiler Glanz der sportlichen und zweifellos der umwerfend ästhetischen Art. Kurz und gut: die Ausstellung „PS: Ich liebe Dich“ zeigt gut 30 echte Sportwagenlegenden. Die lassen zweifellos jeden Autoliebhaber ins schwärmen geraten. Jeden Designliebhaber aber auch. Und so wird der Museumsbesuch diesmal zum blechernen Augenschmaus. Es sind aber auch wirklich alle da – vom 300 SL über der Jaguar E-Type bis hin zum BMW 507 oder Mercedes C111, vom Lamborghini Countach bis zum Toyota GT 2000.  „Die Ausstellung ist die erste ihrer Art, in der das Auto als Kunstwerk aus Form, Technik, Design und Emotionen im Mittelpunkt stehen wird.“ So steht es zumindest auf der Website des Museums geschrieben. Für Düsseldarf mag das auch gelten, aber zumindest im Ansatz will ich doch auf das hier im Blog beschriebene Muesum Art & Cars in Singen verweisen, wo das Auto durchaus nicht nur neben der Kunst steht, sondern auch selbst als Kunstobjekt gewürdigt wird. Und auch Ausstellungen wie „356 VIP – Very Important Porsches“ im Automuseum Prototyp (wir hatten damals noch lange überlegt, ob die hier in den Blog gehören) gehen klar über die „automobile Komponente“ der Fahrzeuge hinaus. Insofern ist die Düsseldorfer Schau nur in Nuancen einzigartig. Den Spaß am Besuch verdirbt das aber natürlich nicht. Also dann: Gas geben und anschauen. -MM

„Laureen Greenfield: Generation Wealth“

Laureen Greenfield: Generation Wealth
Fotomuseum Den Haag, Den Haag, Niederlande
15. September 2018 – 03. Februar 2019

Kunst im Kasten: Das Fotomuseum Den Haag gibt sich kantig. Drinnen beschäftigt sich unter anderem Lauren Greenfield mit Wohlstand.
Kunst im Kasten: Das Fotomuseum Den Haag gibt sich kantig. Drinnen beschäftigt sich unter anderem Lauren Greenfield mit Wohlstand.

Über 200 Fotografien (erläutert durch ausführliche Texte), dazu diverse Kurzfilme – es ist wahrlich eine umfangreiche Ausstellung, diese erste große Retrospektive der amerikanischen Fotografin und Filmemacherin Lauren Greenfield. 25 Jahre hat sie sich bereits künstlerisch mit dem Thema „Wohlstand“ in seinen unterschiedlichsten Facetten auseinandergesetzt und portraitiert die wenigen wirklich Reichen dieser Welt und die vielen anderen, die zwar nicht reich (an Geld) sind, aber alles dafür tun, um sich wie ihre Vorbilder darzustellen. Greenfield zeigt diese Menschen in ihrem Stolz und ihrer Verletzlichkeit, man merkt ihnen an, dass sie alle sich nur zu gerne darstellen, somit das „fotografiert werden“ genießen, dabei gleichzeitig mehr von sich preisgeben, als sie vermutlich beabsichtigen. Der Betrachter wird – wie so oft – durchaus zum Voyeur. Und doch bringt Greenfield ihren Motiven stets Respekt entgegen. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie ihre Protagonisten immer interviewed, mit ihnen spricht, sie ein Stück weit kennenlernt. Und diese Interviews stellt sie neben ihre Fotografien und macht sie uns zugänglich, was mich ein Stück weit an die Arbeit der wunderbaren Herlinde Koelbl erinnert. „Generation Wealth“ ist eine intensive, spannende und oft nachdenklich stimmende Ausstellung, für die man genügend Zeit mitbringen muss. Ein schöner Besuch. Und der Katalog (erschienen bei Phaidon) ein schönes Buch! Hier nämlich kann man zu Hause nochmals in Ruhe schauen, staunen und vor allem lesen. Das geht im Buch nämlich doch besser als an der Museumswand. -MM

“By the Sea – Jan Toorop, Piet Mondrian and Jacoba van Heemskerck”

By the Sea – Jan Toorop, Piet Mondrian and Jacoba van Heemskerck
Gemeentemuseum, Den Haag
14. Juli – 18. November 2018

Wilde Art-Deco Architektur: Das Gemeentemuseum ist ein architektonischer Hingucker!
Wilde Art-Deco Architektur: Das Gemeentemuseum ist ein architektonischer Hingucker!

Ob mit oder ohne Sonderausstellung: Das Gemeentemuseum Den Haag ist allemal einen Besuch wert. Zunächst ist da das 1935 fertiggestellte Art Deco Gebäude des Architekten H.P. Berlage. Ein wirklich großer Kulturtempel mit viel natürlichem Licht und einem wunderschönen, mittelerweise überdachten Innenhof, der zu Kaffee und Kuchen einlädt.

Dann folgt eine mehr als eindrucksvolle Sammlung: Über 160.000 Kunstwerke beherbergt das Museum, aufgeteilt in diverse Kategorien von Mode über Delfter Porzellan, von Musikinstrumenten bis Mondrian. Und natürlich eine exzellente Dauerausstellung rund um De Stijl (absolut sehenswert).

Neben all den spannenden „Dauer-Exponaten“ (und nochmal: De Stijl anschauen!) haben wir uns die aktuelle Sonderschau „By the Sea“ angesehen. Drei Niederländer aus dem frühen 20. Jahrhundert – Jan Toorop, Piet Mondrian and Jacoba van Heemskerck – werden hier nebeneinandergestellt. Und als verbindendes Glied dient (Überraschung bei dem Ausstellungtitel, oder?) die See. Um genauer zu sein: Die Faszination der Küste Zeelands, die mit ihren bezaubernden Lichtstimmungen viele Künstler in ihre Bann schlug. Und so haben all drei immer wieder Seestücke gemalt, aber auch die charakteristische Landschaft Zeelands, besonders gerne rund um Domburg (heute gerade in den Sommermonaten eine – allerdings noch immer wunderschöne – nordrhein-westfälische Enklave). Licht und Farbe, Farbe und Licht, Himmel, Wasser, Dünen – eine wirklich schöne Ausstellung für Freunde der Landschaftsmalerei. -MM

„Klaus Baumgärtner: Sequence“

Klaus Baumgärtner: Sequence
Fotomuseum Den Haag, Den Haag, Niederlande
15. September 2018 – 03. Februar 2019

Das Fotomuseum Den Haag zeigt Klaus Baumgärtner
Das Fotomuseum Den Haag zeigt Klaus Baumgärtner

In Deutschland geboren, in der Schweiz ausgebildet und über Jahrzehnte Dozent an der Königlichen Akademie für bildende Künste in Den Haag (KABK), wird Klaus Baumgärtner (1948 – 2013) nun in seiner langjährigen Wahlheimat eine Ausstellung ausgerichtet, die es zu besuchen lohnt. Baumgärtner fotografiert Objekte, fertigt Bildkompositionen, die für sich selber stehen. Er separiert seine Motive von ihrer eigentlichen Funktion, zeigt nicht Abbilder, sondern in der Fotografie ganz neu geschaffene Bilder. Viele wirken grafisch, strahlen eine besondere Ruhe aus. Vor dem Besuch kannte ich die Arbeiten von Klaus Baumgärtner nicht. Und jetzt freue ich mich sehr, da gewesen zu sein und 50 seiner Werke gesehen zu haben. Eine echte Bereicherung! –MM

„Josef Albers. Interaction“

„Josef Albers. Interaction“
Villa Hügel, Essen
16. Juni bis 7. Oktober 2018

Quadratisch, praktisch? Auf jeden Fall: gut! Die große Josef Albers Retrospektive in Essen.
Quadratisch, praktisch? Auf jeden Fall: gut! Die große Josef Albers Retrospektive in Essen.

Hoch über dem Essener Ruhrtal thront die Villa Hügel mitten in ihrem 28 Hektar großen Park. Bis 1945 war sie mit 269 Räumen nicht ganz kleines Wohnhaus der Familie Krupp und repräsentationsmäßig hochgerüsteter Empfangsplatz der Industriellen-Dynastie. Ausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen finden seit 1953 statt. Heute gehört das beeindruckende Areal der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Und die zeigt jetzt, anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens, in Kooperation mit dem Bottroper Josef Albers Museum Quadrat eine große Josef Albers-Retrospektive.

Startend mit seiner Zeit am Bauhaus in Weimar und Dessau schlägt die Schau einen großen Bogen in die USA, wohin Josef und seine Frau (und fantastische Künstlerin – siehe den Bericht über ihre Ausstellung im K20) Annie Albers 1933 emigrierten, nachdem die Nazis für die Schließung des Bauhaus‘ gesorgt hatten.

Und da hängen sie nun, die vielen wunderbaren Quadrate, aber auch andere Albers-Bilder. Werke eines Künstlers, der Fläche, Raum, aber vor allem die Farbe selber und ihre Wechselwirkungen in unverwechselbarer Art untersucht, der „Farbe denken“ wollte und in seiner Serie „Hommage to the Square“ mit über 2000 Bildern immer wieder zeigt, wie Farben sich gegenseitig beeinflussen. Minimalistisch, seriell. Und das im Interieur der Villa Hügel, die sich trotz ihrer bürgerlichen Wurzeln eher wie ein spätes Schloss gibt. Welch ein Kontrast!

Mehr als 130 Arbeiten zeigt die Ausstellung und gibt einen umfangreichen Einblick in das vielfältige Schaffen Josef Albers‘. „Interaction“ lässt verstehen, welchen künstlerischen Einfluss er hatte (zum Beispiel auf die Minimal Art) – nicht zuletzt auch durch seine Lehrtätigkeit, denn der frühere Bauhaus-Meister leitete in den USA die Design Abteilung an der Yale University in New Haven. Alles in allem eine wirklich spannend kuratierte Schau, die neben vielen im Bottroper „Quadrat“ (immer einen Besuch wert!) beheimateten Arbeiten auch eine große Anzahl Werke zeigt, die sonst nur in den USA zu sehen sind. Das ist sehenswert. Und wer Josef Albers‘ Credo „sehen lernen“ noch besser verstehen will, dem sei die in allen Buchhandlungen bestellbare DVD „To Open Eyes“ anempfohlen, die Albers in Interviews und live als Lehrer zeigt. Spannend. -MM

„Annie Albers“

Annie Albers
K20 – Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
09. Juni – 09. September 2018

Harte Schale, textiler Kern: Annie Albers im Düsseldorfer K20
Harte Schale, textiler Kern: Annie Albers im Düsseldorfer K20

Viel zu lange wurde eigentlich viel zu wenig über Annie Albers und ihre Arbeit geredet. Kurz vor dem 100jährigen Bauhaus Jubiläum kommt die große Retrospektive im K20 gerade recht, um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen. Ganz im Sinne des Bauhaus-Gedankens hat Annie Albers Kunst und Handwerk, Schauobjekt und Gebrauchsgegenstand, Design und Lehre miteinander verknüpft. Zunächst tat sie das als Bauhaus-Studentin und (als Nachfolgerin Gunta Stölzls) Leiterin der Textilwerkstatt. Später dann, nach der durch die Nationalsozialisten veranlassten Schließung des Bauhauses, im Exil als Lehrende am Black Mountain College in den USA. Und sie kann für sich beanspruchen, das Weben als Kunstform der Moderne etabliert zu haben. Ihre gewebten abstrakten Bilder, aus denen sich textile Strukturen hervorarbeiten, lassen ahnen, wie intensiv sie sich mit Material und Technik, mit einer für textile Medien passenden Formensprache auseinandergesetzt hat. Und sie machen auch staunen darüber, wie faszinierend diese Kunst sein kann. Außerdem wird auch Annie Albers‘ Beitrag zum modernen Design gewürdigt, zeigt die Ausstellung doch nicht nur textile Bilder, sondern auch diverse Gebrauchs-Designs wie Textilmuster und Entwürfe. Albers „Idee des gewebten Fadens als Form einer universellen Sprache“ (so die Ausstellungsmacher) kann im K20 plastisch erlebt werden. Sehenswert. -MM

„OSTER+KOEZLE“

Werfen ihre Schatten voraus: Willy Oster und SG Koezle mitten drin in Arbeiten aus ihrer Serie "architectures" in der Künstlerzeiche Unser Fritz 2/2 in Herne Wanne.
Werfen ihre Schatten voraus: Willy Oster und SG Koezle mitten drin in Arbeiten aus ihrer Serie „architectures“ in der Künstlerzeche Unser Fritz 2/3 in Herne Wanne.

OSTER+KOEZLE – Fotografisch basierte digitale Kunst zum Thema Raum
Künstlerzeche Unser Fritz 2/3, Herne (Wanne)
28. April – 20. Mai 2018

Schon seit vielen Jahren, seit 1999 nämlich, arbeiten Willy Oster und SG Koezle gemeinsam als OSTER+KOEZLE und verbinden Fotografie, Malerei (ganz ohne Malerei!) und digitale Möglichkeiten zu einem faszinierenden Kosmos rund um das Thema Raum. Wir haben die Bilder des Künstlerduos vor einigen Jahren für uns auf der „GROSSEN“ in Düsseldorf entdeckt (siehe auch Blogposts aus März 2016 und Februar 2018) und uns von Anfang an in die geometrisch anmutenden Kompositionen, die immer mit einer Irritation des Betrachters einhergehen, verguckt. Um so schöner, dass nun in der Künstlerzeche Unser Fritz 2/3 eine OSTER+KOEZLE Ausstellung zu sehen ist, die schon fast als Retrospektive durchgehen könnte. Aber eben nur fast – denn dafür reichen die 4 Wände der mit 140 Quadratmetern nicht eben kleinen ehemaligen Weißkaue der Zeche dann doch nicht ganz aus. Und trotzdem bekommt der Besucher einen tollen Einblick in fast 20 Jahre gemeinsames Schaffen und in einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess, was nicht zuletzt an der schlauen Hängung liegt. Jede der vier Wände widmet sich nämlich einer Werkgruppe, startend mit den „rooms“, in denen noch deutlich der eigentliche Ort – eine leere Halle, ein Hausflur… – zu sehen ist, aber durch digital eingeschobene (Farb-) Flächen ein ganz neuer Raum, eine neue Komposition entsteht. Da drängen sich rote, weiße oder schwarze Rechtecke mit einer Selbstverständlichkeit ins Bild, die den Betrachter zunächst irritiert, dann staunen und schließlich nicken lässt: ja, sicher gehört diese Fläche ganz genau so ins Bild. An der nächsten Wand folgen dann die „perspectives“. Das Prinzip bleibt, digitale Farbflächen brechen sich Bahn, strukturieren, erschaffen neu. Die den Arbeiten zugrunde liegenden Fotografien aber beschränken sich auf Details, lassen schon von sich aus keine klare Raumzuordnung zu, sind klar komponierte Konstruktionen. In den „architectures“, Werkreihe (und Wand) Nummer drei, drehen OSTER+KOEZLE den Spieß quasi um: Hier stehen Farbflächen im Vordergrund, aus deren Oberfläche wie mit einem digitalen Skalpell sauber Teile herausgeschnitten wurden und dort Ausschnitte von (Raum-) Fotografien sichtbar werden lassen, was erneut zu einer ganz anderen Wahrnehmung von Raum führt. Die vierte Serie schließlich heißt schlicht schwarz/weiss, und so kommt sie dann auch daher. Aber vorsicht: Was zunächst erscheint wie sehr kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografien von (Raum?) Details, entpuppt sich dann doch wieder als Spiel mit der Wahrnehmung und als bewußte digitale Intervention. Waren diese Flächen wirklich so tiefschwarz? Was stimmt hier nicht? Obwohl doch wirklich alles stimmt…

OSTER+KOEZLE selber haben bei der Ausstellungseröffnung übrigens sichtlich Spaß. So erzählt uns Willy Oster, dessen Wurzeln in der Malerei liegen, zum Beispiel noch, dass es ihn immer besonders gefreut hat, bei der Teilnahme an der „GROSSEN“ Kunstausstellung in Düsseldorf nie bei den Fotografen, sondern stets bei den konkreten Künstlern zu hängen (was ja durchaus passt). Und SG Koezle lächelt verschmitz, wenn er erzählt, dass selbst einem Galeristen nach mehrwöchiger Ausstellung schon mal ein wesentliches Bild-Detail verborgen bleibt: „Aktenordner? Wo soll auf dem Bild denn da ein Aktenordner zu sehen sein?“, wird der Galerist zitiert. Aber wahrscheinlich sollte man sich auch nie ganz sicher sein – vielleicht ist da auch wirklich kein Ordner. Sondern das Spiel mit der Irritation und die Aufforderung zum erneuten Hinschauen.

Mein Fazit: Wunderbar ausgeklügelte  Kompositionen, klare Bezüge zur konkreten Kunst und zur Farbfeldmalerei, die Faszination für die Schönheit, die abstrahierten Architekturen und deren Details innewohnt und vor allem: das lustvolle Spiel mit der Irritation, die all den Bildern eine immense Spannung geben und dazu führen, lange zu schauen und den eigenen Blick zu hinterfragen. Auf zur Zeche Unser Fritz! -MM