“Henry Moore – Impuls für Europa“

“Henry Moore – Impuls für Europa“
LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster
11.11. 2016 bis 19.03.2017

Moore in Münster - schöne Skulpturen, schöne Architektur
Moore in Münster – schöne Skulpturen, schöne Architektur

Eigentlich hatten wir schon viel früher einen weiteren Besuch des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster geplant. Galt es doch, den im Herbst 2014 fertiggestellten modernen Anbau an den Neorenaissance-Altbau aus dem Jahre 1908 zu begutachten!
An diesem Wochenende war es dann soweit: Es hieß „Auf nach Münster zur Henry Moore-Sonderausstellung!“ Was soll ich sagen – beides hat uns nicht enttäuscht!
Der vom Berliner Büro Staab Architekten realisierte Umbau ist einfach umwerfend! Schon die beiden Eingänge „Domplatz“ und „Rothenburg“, aktuell bestückt mit Skulpturen von Henry Moore, wirken offen und einladend. In beiden Fällen gelangt man direkt in das helle, wirklich imposante Foyer mit einer Fläche von 700 m2 und Höhe von 14 m! Hier befinden sich neben den Kassen und Garderoben gleichzeitig die Eingänge zum Museumsshop, zur Bibliothek und zum Museumsrestaurant. Zudem gibt es natürlich auch auf der Eingangsebene einen Durchgang zum ursprünglichen Haus. Zur Kunst im 1. und 2. Obergeschoß gelangt man über lange Treppen am Rande der großzügigen Eingangshalle. Ein Weg, den auch Fußfaule nicht scheuen sollte, beschert er einem doch garantiert immer wieder neue, spannende Architektur-Perspektiven.
Insgesamt verfügt das erweiterte LWL-Museum nun über 7500 m2 Ausstellungsfläche für seine mehr als 300.000 (!) Exponate. Man sollte also schon ein wenig Zeit mitbringen, um einen näheren Blick in die 51 (!), allesamt farblich individuell gestalteten Ausstellungsräume werfen zu können. Thematisch geordnet erwartet den Besucher vor allem Kunst und Kultur der letzten 1000 Jahre. Der Sammlungsschwerpunkt liegt dabei auf Mittelalterlicher Sakralkunst Westfalens, Kunstwerken der Renaissance, des Barocks und des 19. Jahrhunderts sowie den von uns geliebten Werken der klassischen Moderne (z.B. Kirchner, Macke, Marc und Nolde) und der Gegenwartskunst (z.B. Albers, Frühtrunk, Piene, Richter, Serra, Stella und Trockel). Aufgrund des offenen Museumsbaus wird der lange Rundgang über zwei Etagen jedoch nie langweilig, eröffnen sich doch nicht selten spontan und unerwartet Sichtachsen in benachbarte Museumsbereiche, in die Innenhöfe oder auf die Stadt Münster selber.
Nun aber zu Sonderausstellung „Henry Moore – Impuls für Europa“. Die Werkschau umfaßt alle Schaffensphasen des Britischen Künstlers und zeigt neben 120 Moore-Arbeiten – Plastiken, Skulpturen und Papierarbeiten – auch Werke anderer Künstler. So stand er z.B. im regen Austausch mit Alberto Giacometti, Hans Arp und Barbara Hepworth, inspirierte aber auch jüngere Kollegen wie z.B. Joseph Beuys, Karl Hartung, Norbert Kricke und Bernhard Heiliger. Alles in allem eine wirklich großartige Konstellation! Wobei ich gerne zugebe, dass es mir besonders die vielen verschiedenen Plastiken und Skulpturen angetan haben. Besonders bei den großen Moore-Arbeiten musste ich mich richtig beherrschen, nicht spontan die Hand nach den wundervoll gestalteten Objekten auszustrecken. Während des gesamten Ausstellungsbesuchs schrei ein leises Stimmlein tief in meinem Inneren „Bitte berühr mich!“. Zum Glück bin ich jedoch allzeit stark geblieben… AEK

„Peter Zumthor: Bruder Klaus Kapelle“

„Peter Zumthor: Bruder Klaus Kapelle
Mechernich Wachendorf
durchgehend

Die Bruder Klaus Kapelle
Feld-Versuch im Schnee: Die Bruder Klaus Kapelle

Da steht sie, mitten auf einem verschneiten Feld am Rande des kleinen Weilers Wachendorf und empfängt uns bei strahlender Wintersonne: Die Bruder Klaus Kapelle. Nun gibt es zweifellos viele Kapellen, die sich irgendwo in der Natur am Rande von Wanderwegen befinden, oftmals hübsch – meist traditionell – anzusehen und von Privatleuten finanziert. Diese hier ist jedoch etwas wirklich Besonderes. Gebaut vom Schweizer Architekten Peter Zumthor auf dem Feld der Familie Scheidtweiler, die sie „aus Dankbarkeit für ein gutes und erfülltes Leben“ – so das kleine Kapellen-Faltblatt – errichten ließ. Und Zumthor hat nicht einfach eine klassische Kapelle geplant, sondern vielmehr eine wahrhaft kühne Architektur ersonnen. Außen ein leicht in sich verdrehter Betonquader, der wie ein graues, sich trotz seiner Besonderheit zurückhaltendes Ausrufezeichen dasteht. Und innen dann ein außergewöhnlicher Ort der Einkehr, Stille, Kontemplation. Für seine Konstruktion errichtete der Architekt über 100 Baumstämme wie ein Tipi, um die herum dann außen der Beton geschichtet wurde. Danach brannte im Inneren für drei Wochen eine Art Köhlerfeuer, wodurch die Baumstämme sich vom Beton lösten und schließlich entfernt werden konnten. Das Resultat ist beindruckend: Die geschwärzten Wände bestehen aus den gut 100 Negativen der Fichtenstämme, hoch oben in der Decke dann – ein einfaches Loch, durch das ein Stück Himmel scheint. Und durch das es im Falle das Falles auch hereinregnet. Hier sollte man sich Zeit nehmen. Und – zumindest bei Besuchen an Wochenenden – möglichst früh da sein. Die Kapelle ist ab 10 Uhr geöffnet. Und gerade in aller Stille allein oder zu zweit ein ganz besonderes Erlebnis. Ein Ort zum Innehalten.-MM

“Lyonel Feininger – Zwischen den Welten”

nur für kurze Zeit: die Kirche von Gelmeroda in Duesseldorf
Nur für kurze Zeit: die Kirche von Gelmeroda in Duesseldorf…

“Lyonel Feininger – Zwischen den Welten”
Museum Kunstpalast, Düsseldorf
11.11. 2016 bis 22.01.2017

Schon mehr als zwanzig Jahre gehört Lyonel Feininger zu meinen absoluten Lieblingskünstlern! Seine Werke – egal ob Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen oder Holzschnitte – faszinieren mich jedes mal wieder aufgrund ihres unverwechselbaren, prismatisch-kubistischen Stils. Eben „echt Feininger“.
Die aktuelle Ausstellung „Lyonel Feininger – Zwischen den Welten“ zeigt einen repräsentativen Ausschnitt seines Grafischen Werkes. Bestaunt werden können in Düsseldorf typische Feininger Motive wie witzige Karikaturen, kabbelige Seestücke, geheimnisvolle Häuserzeilen bei Nacht, verschiedenste Dorfansichten vor allem aus dem Weimarer Umland und – mein absoluter Favorit – die Dorfkirche in Gelmeroda! (Tipp: Das Gotteshaus gilt als erste Autobahnkirche der Neuen Bundesländer und kann seit 1994 von Jedermann besichtigt werden.)
Überaus glücklich macht mich auch ein unverhofftes Wiedersehen mit einer kleinen Auswahl der „Stadt am Ende der Welt“ – aus Holz geschnitzte und anschließend kolorierte Häuser, Eisenbahnen und Figuren im unverkennbaren Feininger-Stil, ursprünglich vom Künstler für seine Söhne als Spielzeug angefertigt.
Der Ausstellungstitel „Zwischen den Welten“ bezieht sich übrigens auf Feiningers Biographie: Der 1871 in New York geborene Künstler kam erst als 16-Jähriger in die Heimat seiner deutschenstämmigen Eltern, wo er die nächsten 40 Jahre seines Lebens verbringen sollte. Sein Umzug zurück nach New York erfolgte eher unfreiwillig: Feiningers Werk wurde von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuft, so daß er mit der gesamten Familie 1937 in die Staaten emigrierte. Dort lebte und arbeitete er noch fast 20 Jahre, ehe er 1956 im Alter von 85 verstarb. Ganz vergessen konnte er seine alte Heimat jedoch nie – noch im Exil entstanden zahlreiche großartige Werke auf Basis von Skizzen und Erinnerungen aus und an Deutschland. AEK

„Wir nennen es Ludwig – Das Museum wird 40!“

Wir nennen es Ludwig – Das Museum wird 40!
Museum Ludwig, Köln
27.08.2016 – 08.01.2017

Happy Birthday.... zum 40.! Das Kölner Ludwig feiert sich.
Happy Birthday… zum 40sten! Das Kölner Ludwig feiert sich.

40 Jahre Ludwig in Köln – das ist dem Museum mal eine Ausstellung über sich selber wert. Der Ansatz dafür ist durchaus spannend: 25 internationale Künstlerinnen, Künstler und Kollektive wurden eingeladen, sich in Ihrer Kunst mit dem Museum zu beschäftigen und zu beantworten, was das Museum Ludwig für sie bedeutet. Und das tun dann auch Kunstschaffende von Ai Weiwei bis Gerhard Richter, von Rosemarie Trockel bis zu den Guerrilla Girls. Letztere setzten sich immer wieder aus feministischer Sicht lustvoll verspielt und provozierend mit der Rolle von Künstlerinnen im Kunstbetrieb auseinander und konfrontieren Institutionen gerne mit erstaunlichen bis verstörenden Fakten zu deren Umgang mit Kunst von Frauen. Das funktioniert auch in Köln. Und ganz wunderbar hat mir auch der Beitrag von Maria Eich­horn gefallen. Sie dokumentiert in Glasvitrinen den komplexen Prozess, an dessen Ende sie einen befristeten Arbeitsvertrag mit dem Museum bekam, wobei die darin definierte Tätigkeit die Dokumentation eben jenes Prozesses ist. Kulturverwaltung sowohl nachvollziehbar als auch absurd – das macht Spaß. So war ich denn auch froh, es kurz vor Schluss noch in die Jubiläumsausstellung geschafft zu haben. Auf die nächsten 40! -MM

„Jeff Cowen: Photoworks“

Jeff Cowen: Photoworks
Jeff Cowen
Ludwigmuseum im Deutschherrenhaus, Koblenz
30.10.2016 – 22.01.2017

Junge Kunst in alten Mauern: Jeff Cowen stellt im Koblenzer Ludwigmuseum im Deutschherrenhaus aus
Junge Kunst in alten Mauern: Jeff Cowen stellt im Koblenzer Ludwigmuseum im Deutschherrenhaus aus

Jeff Cowen stammt aus New York, lebt in Berlin wird nun vom Koblenzer Ludwigmuseum mit seiner ersten musealen Einzelausstellung präsentiert. Über zwei Etagen verteilen sich die großformatigen „Fotoarbeiten“, die irgendwo in einer fast poetischen Zwischenwelt von Fotografie und Malerei angesiedelt sind. Cowen fotografiert analog, entwickelt selber und greift in diesen Prozeß ein, bearbeitet Fotopaper mit Chemikalien, collagiert, erstellt so Unikate, die oftmals eine geradezu plastische Wirkung haben. Diese wird noch unterstützt durch die durchgängig einheitliche Rahmung der Werke: Alle Arbeiten befinden sich in Objektrahmen, immer mehrere Zentimeter von der schützenden Glasoberfläche entfernt und durch einfache, silberfarbene „Pins“ an der Rückwand befestigt. Eine schöne und passende Präsentation. Besonders gut haben mir die überlebensgroßen Porträts gefallen, die den Betrachter auf den ersten Blick viele Jahrzehnte in der Foto-Geschichte zurückversetzen, fast glauben machen, hier historische Aufnahmen zu sehen, dann aber mit Wucht eine ungeheure Modernität ausstrahlen. Die Ausstellung bleibt noch bis zum 22. Januar 2017 in Koblenz, ab März 2017 wird sie im Museum Huis Marseille, eine schöne Adresse für Fotografie in Amsterdam, zu sehen sein. -MM

„Geliebte Feinde – Symbolismus heute: von Peter Doig bis Thomas Schütte“

„Geliebte Feinde – Symbolismus heute: von Peter Doig bis Thomas Schütte“
Clemens Sels Museum, Neuss
23.10.16 bis 19.02.17

Bjørn Melhus in Neuss - der Flyer zur Ausstellung
Bjørn Melhus in Neuss – der Flyer zur Ausstellung

Und wieder einmal lockt das kleine Clemens Sels Museum mit großen Namen! Denn derzeit zu Gast in Neuss sind Peter Doig (GB), Bjørn Melhus (NO), Thomas Schütte (D) und Christoph Worringer (D), allesamt international agierende Künstler.
Der Titel der noch bis zum Februar 2017 andauernden Sonderaustellung lautet „Geliebte Feinde – Symbolismus heute“ und bezieht sich lt. hauseigener Webseite auf „die Faszination und die Lust am Umgang mit vieldeutigen, symbolisch aufgeladenen Bildern“ der vier eingangs genannten Kunstschaffenden. Gezeigt werden insgesamt ca. 80 Werke: klassische Tafelbilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Skulpturen und Videos.
Letztere stammen von Bjørn Melhus und begeistern mich mal wieder auf ganz besondere Art. Wieso? Das kann ich eigentlich gar nicht genau beschreiben. Schon im Foyer werde ich magisch angezogen vom erotisch hypnotisch anmutenden Soundtrack seines ca. 5-minütigen Kurzfilms „no sunshine“ aus dem Jahr 1997. Im zweiten Stockwerk ist es dann soweit: In einem Orange-farbenem Vorführraum werde ich Zeuge einer unglücklichen Liebesbeziehung zwischen zwei Melhus-Klonen im Star Trek Look mit Playmobil-artiger Plastikfrisur. Scheint anfänglich noch alles hell und heil, so endet das Ganze wie von einem bösen Virus aus dem Weltall infiziert unglücklich im Dunkeln, eben ohne sunshine. Schade – ich hätte den beiden wirklich mehr Glück in der Liebe gewünscht! Auf einem recht kleinen Bildschirm mit Kopfhörer gibt es noch weitere Melhus-Werke zu bestaunen. So z.B. „blue moon“ – Melhus als blauer Schlumpf in einer amerikanischen Wüste, der als europäischer Exportschlager den gleichnamigen Elvis-Presley-Hit zum Besten gibt – oder „Zauberglas“ – Melhus in einer Doppelrolle als junges Mädchen in einem Fernseh-Bildschirm und als sich rasierender stattlicher Herr vor der Mattscheibe.
Nun gibt es zu all diesen Video-Werken natürlich ausgiebige kunstwissenschaftliche Erklärungen. Wer ein wenig hin und her googelt, stößt zum Beispiel auf hergeleitete Parallelen zu Rainer Werner Fassbender oder gar zu Platon. Da halte ich es etwas schlichter und lasse die Melhus-Arbeiten mal einfach so auf mich wirken. Und dabei frage ich mich – zumal mir der Zugang zu Video-Kunst oft nicht leicht fällt – warum gerade diese fantastischen One-Man-Shows so faszinierend sind. Die Musik? Der riesige Spieltrieb und die Verkleidungslust, die mir aus den Bildern entgegenkommen? Die Ironie als ständiger Begleiter? Ganz ehrlich, ich bin mir noch nicht sicher. Aber eines ist klar: ich schaue weiter und genieße… -AEK

 

„Neal Preston: In the Eye of the Rock ‚n Roll Hurricane“

Neal Preston: In the Eye of the Rock ‚n Roll Hurricane
Neal Preston
Theater Gütersloh, Gütersloh
27.10. – 27.11.2016

Neal Preston Ausstellung im Theater Gütersloh
Lichtwürfel mit Rock ‚n Roll Inhalt: Das übergangsweise zum Ausstellungshaus verwandelte Theater Gütersloh

Schon seit 40 Jahren lichtet Neal Preston die großen Namen des Rock ‚n Roll ab. Eine Auswahl von gut 70 dieser Fotografien zeigt das Theater Gütersloh in seinem großen Foyer, das nun tatsächlich wie ein echter Ausstellungsraum wirkt. Dreckig schwitziger Rock ‚n Roll im weißen Kubus für (normalerweise) darstellende Künste – das ist ein feiner Gegensatz. Und so begegnen dem Betrachter im Ambiente der Hochkultur also viele große Namen einer zum Teil schon vergangenen Zeit. Springsteen, Led Zeppelin, Jagger, Queen… Wer mag, bekommt dazu direkt auch einen Audioguide und kann zu vielen Fotos gleich die dazugehörige Geschichte erfahren. Eine kurzweiliger Spaziergang durch Jahrzente von Musik. Mein Favorit? Ein Portrait von John Lydon, alias Johnny Rotten. Bei diesem Preston-Foto quillt Punk aus jeder Pore. -MM

 

„Bling Bling Baby!“

Bling Bling Baby!
NRW Forum, Düsseldorf
19.11.2016 – 15.01.2017

Introtext am Start der Ausstellung "Bling Bling Baby" im Düsseldorder NRW-Forum
Bling Bling? Schwarz-weiß ist hier nur der Intro-Text. In der Ausstellung geht es deutlich effektvoller zu…

Bunt, bunter, Bling Bling Baby! Das Düsseldorfer NRW-Forum lässt es ordentlich krachen. Eine krass-grelle Farbmischung, so scheint es, wurde genüsslich in eine ganze Horde wildgewordener Kameras gekippt. Knallige Trivialität, Kitsch, Pop, Oberfläche, Glamour. Künstlichkeit wird zum Kult erhoben, Fantasy-Welten, leuchtende Lippen, Barbies aus Fleisch und Blut, Farbe, Farbe, Farbe… So was geht aber nicht? Ist doch viel zu… ja, viel zu was eigentlich? Oder sollte man doch mal reinschauen? Ja klar! Nicht nur reinschauen, sondern mit voller Wucht reinspringen wie in einen riesigen Swimmingpool. So dass es richtig „platsch!“ macht. Und dann abtauschen in wilde Fotowelten und staunen, wieder auftauchen und sich ordentlich schütteln, so dass statt Wassertröpfchen die Swarovski-Steinchen nur so um einen fliegen. Dann abtrocknen und langsam wieder zu sich kommen… Empfehlung: Damit es nach dem Rausch keinen Kater gibt, empfiehlt sich ein Besuch der Nachbarausstellung „gute aussichten„. Etwas ruhiger und weniger Bling Bling, aber auf keinen Fall zu verpassen! -MM

„gute aussichten 2016/2017: junge deutsche Fotografie“

gute aussichten 2016/2017: junge deutsche Fotografie
NRW Forum, Düsseldorf
19.11.2016 – 15.01.2017

Eröffnung der Ausstellung "gute aussichten 2016/2017"
Gute Aussichten für Düsseldorf und die junge deutsche Fotografie: Volles Haus bei der Eröffnung von „gute aussichten 2016/2017″ im NRW Forum

Schon zum 13. Mal wird unter dem Label „gute aussichten“ junge deutsche Fotografie präsentiert. Eine Fachjury aus Fotoexperten verschiedenster Couleur, immer wieder auch prominente Namen (diesmal zum Beispiel die wunderbare Herlinde Koelbl; wir haben hier im Blog ihre Retrospektive in Oberhausen besprochen), kürt die Abschlussarbeiten von Absolventinnen und Absolventen deutscher Foto-Hochschulen. Und dann gehen die Arbeiten auf Tour, nicht nur durch die deutschen Top-Museen für Fotografie, sondern auch an internationale Ausstellungshäuser. Hier im artreview Blog haben wir schon über die guten aussichten Nummer 11 (2014/2015) berichtet, bei denen ich erstmals auf die wunderbaren Fotografien von Andrea Grützner (unbedingt anschauen!) gestoßen bin.

Nun aber heißt es erstmals: Auftakt von „gute aussichten“ im Düsseldorfer NRW Forum. Das gefällt mir natürlich nicht nur, weil es sich hier um eine wirklich gute Adresse für Fotografie handelt, sondern (nicht ganz uneigennützig) auch, weil ich das NRW Forum in wenigen Minuten erreichen kann. So nehmen wir die freundliche Einladung der Ausstellungsmacher zur Eröffnung also nur zu gerne an – und das hat sich mehr als gelohnt!

Sieben Preisträgerinnen und Preisträger zeigen eine große Palette von Fotokunst in ihrer ganzen Vielfalt. Der rote Faden? „Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden entdecken“, wie es die gute aussichten Macher selber beschreiben. Und das trifft es gut: Die einen reisen für ihre Aufnahmen in die Fremde, um dort als Fremde selbige zu erfahren. Andere bringen die eigene, ihnen innewohnende Fremde aufs Fotopapier. Wieder andere erforschen das Fremde vor der eigenen Haustür.

Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org
Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org

Zu den letztgenannten gehört die Fotografin Julia Steinigeweg, die die Arbeiten ihrer Serie „Ein verwirrendes Potenzial“ zeigt. Aber was genau sehe ich da eigentlich? Einzelporträts, die Hinterköpfe im Anschnitt zeigen? Dann wieder Menschen, die in äußerst stillen Momenten innige Zweisamkeit teilen? Ein Baby? Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das Geheimnis der Bilder: Immer ist ein Protagonist eine Puppe. Lebensecht, realistisch. Und das ist der Moment, in dem es einen packt. Bilder von großer Zärtlichkeit, die sich da zwischen Mensch und Puppe abspielt. Und gleichzeitig strahlt eine immense Einsamkeit aus den Bildern. Eine Geborgenheit, die zugleich ein Stück Trostlosigkeit spiegelt. Irgendetwas dazwischen. Eine Puppe als Partner? Eine Puppe als Babyersatz? Und all das in Bildkompositionen, die zum Teil geradezu malerisch, dann wieder fast grafisch daherkommen.

Im Gespräch sagte mir Julia Steinigeweg, dass sie für ihre Darstellung durchaus auch kritisiert würde, dass man ihr beispielsweise vorgeworfen habe, in ihren Bildern keine klare Haltung zu zeigen. Dem wäre einiges entgegenzusetzen.

Julia Steinigeweg dokumentiert, ohne Dokumentarfotografie zu machen. Sie setzt künstlerisch in Szene, komponiert und verdichtet Bilder. Bilder, die den Betrachter fesseln, verwirren, vielleicht anstoßen zu weiteren, eigenen Gedanken. Über das Fremde und das Eigene. Und bei all dem ist der Blick der Fotografin durch großen Respekt gegenüber ihrem Sujet und den gezeigten Menschen gekennzeichnet. Etwas verstörend und sehr berührend. All das kann man übrigens auch zu Hause erkunden: „Ein verwirrendes Potenzial“ ist auch als wirklich schön gemachtes Buch bei Peperoni Books erschienen.

Neben Julia Steinigeweg von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg wurden sechs weitere Fotografinnen und Fotografen prämiert. Jede einzelne dieser Abschlussarbeiten ist sehenswert, und wenn ich schon nicht auf alle eingehe, sollen hier zumindest auch die weiteren Preisträger/innen genannt werden:

  • Miia Autio // Variation of White // Fachhochschule Bielefeld
  • Chris Becher  // Boys // Kunsthochschule für Medien Köln
  • Carmen Catuti // Marmarilo // Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Andreas Hopfgarten // Die Weltesche Yggdrasil oder die Suche nach einer verlorenen Erinnerung // Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
  • Holger Jenss // Last Chance Junction // Kunsthochschule Kassel
  • Quoc-Van Ninh // Tenebrae // Hochschule für Künste Bremen

Nach dem Auftakt in Düsseldorf stehen für den aktuellen Ausstellungszyklus von gute aussichten 2016/2017 schon Hamburg, Nicosia, Mailand und Koblenz fest. Weitere Orte werden folgen – ein regelmäßiger Blick auf die gute aussichten Website hilft weiter. Es gibt also noch viele Möglichkeiten, diesen tollen Einblick in die junge deutsche Fotoszene zu entdecken. Nicht entgehen lassen! -MM

“Francis Bacon. Unsichtbare Räume”

Francis Bacon. Unsichtbare Räume
Staatsgalerie Stuttgart
07. Oktober 2016 bis 08. Januar 2017

nur nicht aus dem Rahmen fallen: das Plakat für die Bacon-Ausstellung vor der Staatsgalerie Stuttgart
nur nicht aus dem Rahmen fallen: das Plakat für die Bacon-Ausstellung vor der Staatsgalerie Stuttgart

„Wow, was für Bilder!“ – so mein erster Gedanke beim Betreten der Sonderausstellung „Francis Bacon. Unsichtbare Räume“ in der Staatsgalerie Stuttgart. Vom ersten Augenblick an werde ich direkt in die 40 meist großformatigen Gemälde hineingezogen. Sie machen aus mir unverzüglich eine Art Voyeur, der Bacons Figuren wie Tiere im Käfig oder Kämpfer im Ring beobachtet. Ich schau auf Leidende, meist Nackte mit geschundenen Körpern und verzerrten Gesichtern, einsam oder eng umschlungen zu zweit. Ganz nah und intensiv.
Und genau das hat Francis Bacon wohl auch so gewollt: nur allzu akribisch plante er den Aufbau seiner Bilder inklusive der Platzierung seiner Protagonisten im Bildraum. Oft sind das Menschen aus Bacons Alltag: Bekannte, Freunde oder Liebhaber. Hat er sie überhaupt gemocht? Oder gar geliebt? Wieviel Leid haben sie ihm gebracht? Manchmal malt Bacon auch sich selber. Wäre er gerne ein Anderer gewesen? Was dachte und/oder fühlte Bacon beim Malen seiner Bilder? All das sind Fragen, die mir beim Anschauen der Bilder spontan durch den Kopf gehen.
Ein paar Antworten und Hintergrundinformationen erhalte ich in dem die Ausstellung begleitenden Film – ein wirklich sehenswertes filmisches Portrait des großartigen irischen Malers in Form eines Interviews.
Zudem sieht man einige Fotos aus Bacons Londoner Atelier und Wohnung in der Reece Mews Nr. 7, South Kensington – Chaos pur und alles andere als „akribisch“! Das Atelier wurde übrigens im Jahre 1988 – also bereits 4 Jahre vor Bacons Tod – abgebaut, nach Dublin transportiert und in der Dublin City Gallery The Hugh Lane durch ein Team von Restauratoren, Archäologen und Kuratoren wieder aufgebaut. Hört sich doch nach einem „Must“ für die nächste Dublin-Städtetour an, oder? -AEK.