„Jeff Cowen: Photoworks“

Jeff Cowen: Photoworks
Jeff Cowen
Ludwigmuseum im Deutschherrenhaus, Koblenz
30.10.2016 – 22.01.2017

Junge Kunst in alten Mauern: Jeff Cowen stellt im Koblenzer Ludwigmuseum im Deutschherrenhaus aus
Junge Kunst in alten Mauern: Jeff Cowen stellt im Koblenzer Ludwigmuseum im Deutschherrenhaus aus

Jeff Cowen stammt aus New York, lebt in Berlin wird nun vom Koblenzer Ludwigmuseum mit seiner ersten musealen Einzelausstellung präsentiert. Über zwei Etagen verteilen sich die großformatigen „Fotoarbeiten“, die irgendwo in einer fast poetischen Zwischenwelt von Fotografie und Malerei angesiedelt sind. Cowen fotografiert analog, entwickelt selber und greift in diesen Prozeß ein, bearbeitet Fotopaper mit Chemikalien, collagiert, erstellt so Unikate, die oftmals eine geradezu plastische Wirkung haben. Diese wird noch unterstützt durch die durchgängig einheitliche Rahmung der Werke: Alle Arbeiten befinden sich in Objektrahmen, immer mehrere Zentimeter von der schützenden Glasoberfläche entfernt und durch einfache, silberfarbene „Pins“ an der Rückwand befestigt. Eine schöne und passende Präsentation. Besonders gut haben mir die überlebensgroßen Porträts gefallen, die den Betrachter auf den ersten Blick viele Jahrzehnte in der Foto-Geschichte zurückversetzen, fast glauben machen, hier historische Aufnahmen zu sehen, dann aber mit Wucht eine ungeheure Modernität ausstrahlen. Die Ausstellung bleibt noch bis zum 22. Januar 2017 in Koblenz, ab März 2017 wird sie im Museum Huis Marseille, eine schöne Adresse für Fotografie in Amsterdam, zu sehen sein. -MM

„Geliebte Feinde – Symbolismus heute: von Peter Doig bis Thomas Schütte“

„Geliebte Feinde – Symbolismus heute: von Peter Doig bis Thomas Schütte“
Clemens Sels Museum, Neuss
23.10.16 bis 19.02.17

Bjørn Melhus in Neuss - der Flyer zur Ausstellung
Bjørn Melhus in Neuss – der Flyer zur Ausstellung

Und wieder einmal lockt das kleine Clemens Sels Museum mit großen Namen! Denn derzeit zu Gast in Neuss sind Peter Doig (GB), Bjørn Melhus (NO), Thomas Schütte (D) und Christoph Worringer (D), allesamt international agierende Künstler.
Der Titel der noch bis zum Februar 2017 andauernden Sonderaustellung lautet „Geliebte Feinde – Symbolismus heute“ und bezieht sich lt. hauseigener Webseite auf „die Faszination und die Lust am Umgang mit vieldeutigen, symbolisch aufgeladenen Bildern“ der vier eingangs genannten Kunstschaffenden. Gezeigt werden insgesamt ca. 80 Werke: klassische Tafelbilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Skulpturen und Videos.
Letztere stammen von Bjørn Melhus und begeistern mich mal wieder auf ganz besondere Art. Wieso? Das kann ich eigentlich gar nicht genau beschreiben. Schon im Foyer werde ich magisch angezogen vom erotisch hypnotisch anmutenden Soundtrack seines ca. 5-minütigen Kurzfilms „no sunshine“ aus dem Jahr 1997. Im zweiten Stockwerk ist es dann soweit: In einem Orange-farbenem Vorführraum werde ich Zeuge einer unglücklichen Liebesbeziehung zwischen zwei Melhus-Klonen im Star Trek Look mit Playmobil-artiger Plastikfrisur. Scheint anfänglich noch alles hell und heil, so endet das Ganze wie von einem bösen Virus aus dem Weltall infiziert unglücklich im Dunkeln, eben ohne sunshine. Schade – ich hätte den beiden wirklich mehr Glück in der Liebe gewünscht! Auf einem recht kleinen Bildschirm mit Kopfhörer gibt es noch weitere Melhus-Werke zu bestaunen. So z.B. „blue moon“ – Melhus als blauer Schlumpf in einer amerikanischen Wüste, der als europäischer Exportschlager den gleichnamigen Elvis-Presley-Hit zum Besten gibt – oder „Zauberglas“ – Melhus in einer Doppelrolle als junges Mädchen in einem Fernseh-Bildschirm und als sich rasierender stattlicher Herr vor der Mattscheibe.
Nun gibt es zu all diesen Video-Werken natürlich ausgiebige kunstwissenschaftliche Erklärungen. Wer ein wenig hin und her googelt, stößt zum Beispiel auf hergeleitete Parallelen zu Rainer Werner Fassbender oder gar zu Platon. Da halte ich es etwas schlichter und lasse die Melhus-Arbeiten mal einfach so auf mich wirken. Und dabei frage ich mich – zumal mir der Zugang zu Video-Kunst oft nicht leicht fällt – warum gerade diese fantastischen One-Man-Shows so faszinierend sind. Die Musik? Der riesige Spieltrieb und die Verkleidungslust, die mir aus den Bildern entgegenkommen? Die Ironie als ständiger Begleiter? Ganz ehrlich, ich bin mir noch nicht sicher. Aber eines ist klar: ich schaue weiter und genieße… -AEK

 

„Neal Preston: In the Eye of the Rock ‚n Roll Hurricane“

Neal Preston: In the Eye of the Rock ‚n Roll Hurricane
Neal Preston
Theater Gütersloh, Gütersloh
27.10. – 27.11.2016

Neal Preston Ausstellung im Theater Gütersloh
Lichtwürfel mit Rock ‚n Roll Inhalt: Das übergangsweise zum Ausstellungshaus verwandelte Theater Gütersloh

Schon seit 40 Jahren lichtet Neal Preston die großen Namen des Rock ‚n Roll ab. Eine Auswahl von gut 70 dieser Fotografien zeigt das Theater Gütersloh in seinem großen Foyer, das nun tatsächlich wie ein echter Ausstellungsraum wirkt. Dreckig schwitziger Rock ‚n Roll im weißen Kubus für (normalerweise) darstellende Künste – das ist ein feiner Gegensatz. Und so begegnen dem Betrachter im Ambiente der Hochkultur also viele große Namen einer zum Teil schon vergangenen Zeit. Springsteen, Led Zeppelin, Jagger, Queen… Wer mag, bekommt dazu direkt auch einen Audioguide und kann zu vielen Fotos gleich die dazugehörige Geschichte erfahren. Eine kurzweiliger Spaziergang durch Jahrzente von Musik. Mein Favorit? Ein Portrait von John Lydon, alias Johnny Rotten. Bei diesem Preston-Foto quillt Punk aus jeder Pore. -MM

 

„Bling Bling Baby!“

Bling Bling Baby!
NRW Forum, Düsseldorf
19.11.2016 – 15.01.2017

Introtext am Start der Ausstellung "Bling Bling Baby" im Düsseldorder NRW-Forum
Bling Bling? Schwarz-weiß ist hier nur der Intro-Text. In der Ausstellung geht es deutlich effektvoller zu…

Bunt, bunter, Bling Bling Baby! Das Düsseldorfer NRW-Forum lässt es ordentlich krachen. Eine krass-grelle Farbmischung, so scheint es, wurde genüsslich in eine ganze Horde wildgewordener Kameras gekippt. Knallige Trivialität, Kitsch, Pop, Oberfläche, Glamour. Künstlichkeit wird zum Kult erhoben, Fantasy-Welten, leuchtende Lippen, Barbies aus Fleisch und Blut, Farbe, Farbe, Farbe… So was geht aber nicht? Ist doch viel zu… ja, viel zu was eigentlich? Oder sollte man doch mal reinschauen? Ja klar! Nicht nur reinschauen, sondern mit voller Wucht reinspringen wie in einen riesigen Swimmingpool. So dass es richtig „platsch!“ macht. Und dann abtauschen in wilde Fotowelten und staunen, wieder auftauchen und sich ordentlich schütteln, so dass statt Wassertröpfchen die Swarovski-Steinchen nur so um einen fliegen. Dann abtrocknen und langsam wieder zu sich kommen… Empfehlung: Damit es nach dem Rausch keinen Kater gibt, empfiehlt sich ein Besuch der Nachbarausstellung „gute aussichten„. Etwas ruhiger und weniger Bling Bling, aber auf keinen Fall zu verpassen! -MM

„gute aussichten 2016/2017: junge deutsche Fotografie“

gute aussichten 2016/2017: junge deutsche Fotografie
NRW Forum, Düsseldorf
19.11.2016 – 15.01.2017

Eröffnung der Ausstellung "gute aussichten 2016/2017"
Gute Aussichten für Düsseldorf und die junge deutsche Fotografie: Volles Haus bei der Eröffnung von „gute aussichten 2016/2017″ im NRW Forum

Schon zum 13. Mal wird unter dem Label „gute aussichten“ junge deutsche Fotografie präsentiert. Eine Fachjury aus Fotoexperten verschiedenster Couleur, immer wieder auch prominente Namen (diesmal zum Beispiel die wunderbare Herlinde Koelbl; wir haben hier im Blog ihre Retrospektive in Oberhausen besprochen), kürt die Abschlussarbeiten von Absolventinnen und Absolventen deutscher Foto-Hochschulen. Und dann gehen die Arbeiten auf Tour, nicht nur durch die deutschen Top-Museen für Fotografie, sondern auch an internationale Ausstellungshäuser. Hier im artreview Blog haben wir schon über die guten aussichten Nummer 11 (2014/2015) berichtet, bei denen ich erstmals auf die wunderbaren Fotografien von Andrea Grützner (unbedingt anschauen!) gestoßen bin.

Nun aber heißt es erstmals: Auftakt von „gute aussichten“ im Düsseldorfer NRW Forum. Das gefällt mir natürlich nicht nur, weil es sich hier um eine wirklich gute Adresse für Fotografie handelt, sondern (nicht ganz uneigennützig) auch, weil ich das NRW Forum in wenigen Minuten erreichen kann. So nehmen wir die freundliche Einladung der Ausstellungsmacher zur Eröffnung also nur zu gerne an – und das hat sich mehr als gelohnt!

Sieben Preisträgerinnen und Preisträger zeigen eine große Palette von Fotokunst in ihrer ganzen Vielfalt. Der rote Faden? „Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden entdecken“, wie es die gute aussichten Macher selber beschreiben. Und das trifft es gut: Die einen reisen für ihre Aufnahmen in die Fremde, um dort als Fremde selbige zu erfahren. Andere bringen die eigene, ihnen innewohnende Fremde aufs Fotopapier. Wieder andere erforschen das Fremde vor der eigenen Haustür.

Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org
Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org

Zu den letztgenannten gehört die Fotografin Julia Steinigeweg, die die Arbeiten ihrer Serie „Ein verwirrendes Potenzial“ zeigt. Aber was genau sehe ich da eigentlich? Einzelporträts, die Hinterköpfe im Anschnitt zeigen? Dann wieder Menschen, die in äußerst stillen Momenten innige Zweisamkeit teilen? Ein Baby? Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das Geheimnis der Bilder: Immer ist ein Protagonist eine Puppe. Lebensecht, realistisch. Und das ist der Moment, in dem es einen packt. Bilder von großer Zärtlichkeit, die sich da zwischen Mensch und Puppe abspielt. Und gleichzeitig strahlt eine immense Einsamkeit aus den Bildern. Eine Geborgenheit, die zugleich ein Stück Trostlosigkeit spiegelt. Irgendetwas dazwischen. Eine Puppe als Partner? Eine Puppe als Babyersatz? Und all das in Bildkompositionen, die zum Teil geradezu malerisch, dann wieder fast grafisch daherkommen.

Im Gespräch sagte mir Julia Steinigeweg, dass sie für ihre Darstellung durchaus auch kritisiert würde, dass man ihr beispielsweise vorgeworfen habe, in ihren Bildern keine klare Haltung zu zeigen. Dem wäre einiges entgegenzusetzen.

Julia Steinigeweg dokumentiert, ohne Dokumentarfotografie zu machen. Sie setzt künstlerisch in Szene, komponiert und verdichtet Bilder. Bilder, die den Betrachter fesseln, verwirren, vielleicht anstoßen zu weiteren, eigenen Gedanken. Über das Fremde und das Eigene. Und bei all dem ist der Blick der Fotografin durch großen Respekt gegenüber ihrem Sujet und den gezeigten Menschen gekennzeichnet. Etwas verstörend und sehr berührend. All das kann man übrigens auch zu Hause erkunden: „Ein verwirrendes Potenzial“ ist auch als wirklich schön gemachtes Buch bei Peperoni Books erschienen.

Neben Julia Steinigeweg von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg wurden sechs weitere Fotografinnen und Fotografen prämiert. Jede einzelne dieser Abschlussarbeiten ist sehenswert, und wenn ich schon nicht auf alle eingehe, sollen hier zumindest auch die weiteren Preisträger/innen genannt werden:

  • Miia Autio // Variation of White // Fachhochschule Bielefeld
  • Chris Becher  // Boys // Kunsthochschule für Medien Köln
  • Carmen Catuti // Marmarilo // Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Andreas Hopfgarten // Die Weltesche Yggdrasil oder die Suche nach einer verlorenen Erinnerung // Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
  • Holger Jenss // Last Chance Junction // Kunsthochschule Kassel
  • Quoc-Van Ninh // Tenebrae // Hochschule für Künste Bremen

Nach dem Auftakt in Düsseldorf stehen für den aktuellen Ausstellungszyklus von gute aussichten 2016/2017 schon Hamburg, Nicosia, Mailand und Koblenz fest. Weitere Orte werden folgen – ein regelmäßiger Blick auf die gute aussichten Website hilft weiter. Es gibt also noch viele Möglichkeiten, diesen tollen Einblick in die junge deutsche Fotoszene zu entdecken. Nicht entgehen lassen! -MM

“Francis Bacon. Unsichtbare Räume”

Francis Bacon. Unsichtbare Räume
Staatsgalerie Stuttgart
07. Oktober 2016 bis 08. Januar 2017

nur nicht aus dem Rahmen fallen: das Plakat für die Bacon-Ausstellung vor der Staatsgalerie Stuttgart
nur nicht aus dem Rahmen fallen: das Plakat für die Bacon-Ausstellung vor der Staatsgalerie Stuttgart

„Wow, was für Bilder!“ – so mein erster Gedanke beim Betreten der Sonderausstellung „Francis Bacon. Unsichtbare Räume“ in der Staatsgalerie Stuttgart. Vom ersten Augenblick an werde ich direkt in die 40 meist großformatigen Gemälde hineingezogen. Sie machen aus mir unverzüglich eine Art Voyeur, der Bacons Figuren wie Tiere im Käfig oder Kämpfer im Ring beobachtet. Ich schau auf Leidende, meist Nackte mit geschundenen Körpern und verzerrten Gesichtern, einsam oder eng umschlungen zu zweit. Ganz nah und intensiv.
Und genau das hat Francis Bacon wohl auch so gewollt: nur allzu akribisch plante er den Aufbau seiner Bilder inklusive der Platzierung seiner Protagonisten im Bildraum. Oft sind das Menschen aus Bacons Alltag: Bekannte, Freunde oder Liebhaber. Hat er sie überhaupt gemocht? Oder gar geliebt? Wieviel Leid haben sie ihm gebracht? Manchmal malt Bacon auch sich selber. Wäre er gerne ein Anderer gewesen? Was dachte und/oder fühlte Bacon beim Malen seiner Bilder? All das sind Fragen, die mir beim Anschauen der Bilder spontan durch den Kopf gehen.
Ein paar Antworten und Hintergrundinformationen erhalte ich in dem die Ausstellung begleitenden Film – ein wirklich sehenswertes filmisches Portrait des großartigen irischen Malers in Form eines Interviews.
Zudem sieht man einige Fotos aus Bacons Londoner Atelier und Wohnung in der Reece Mews Nr. 7, South Kensington – Chaos pur und alles andere als „akribisch“! Das Atelier wurde übrigens im Jahre 1988 – also bereits 4 Jahre vor Bacons Tod – abgebaut, nach Dublin transportiert und in der Dublin City Gallery The Hugh Lane durch ein Team von Restauratoren, Archäologen und Kuratoren wieder aufgebaut. Hört sich doch nach einem „Must“ für die nächste Dublin-Städtetour an, oder? -AEK.

„Saul Leiter: Retrospektive“

Saul Leiter: Retrospektive
Saul Leiter
FOMU – Fotomuseum Antwerpen, Belgien
28.10.2016 – 29.01.2017

Das Fotomuseum Antwerpen
Schmökerstunde vor dem Antwerpener FOMU: Wer nicht draußen lesen mag, kann auch drinnen Fotos gucken…

Früheste künstlerische Farbfotografie? Da fallen einem wahrscheinlich William Eggleston ein und Stephen Shore. Schnell ist das ganze dann in etwa in den 1970er Jahren verortet. Und dann stößt man plötzlich auf Saul Leiter und muss das Prädikat „Pionier der Farbfotografie“ in seine Richtung verschieben. Schon ab 1946 nutzte der US-Amerikaner auch (in der Fotokunst zu dieser Zeit durchaus verpönte) Farbfilme für seine künstlerischen Aufnahmen und schuf ein großartiges Werk: Vornehmlich New York Street Photography, die auf fast abstrakte Bildkompositionen mit beeindruckenden Farbakzenten setzt. Immer wieder Straßenszenen von Menschen in Wind und Wetter, halb verdeckt durch ganze Vorhänge von fallenden Schneeflocken, fotografiert durch beschlagene Fenster und verzerrende Spiegel. Die Ausstellung im Antwerpener FOMU zeigt neben den beeindruckenden Farbfotografien auch Schwarz-Weiß-Arbeiten sowie Gemälde und Übermalungen des Künstlers. Leiter nämlich hat sich klar sowohl als Fotograf und als Maler gesehen. Noch eine Überraschung also. Und zwar eine unbedingt sehenswerte! Eine Leiter Retrospektive gab es übrigens schon 2012 in den Hamburger Deichtorhallen (was leider an mir vorbeigegangen ist, aber Antwerpen hat das ja geradegerückt…). Zur Hamburger Ausstellung ist ein schöner Katalog im Kehrer Verlag erschienen, der weiterhin im Buchhandel erhältlich ist. -MM

„MACBA Collection 31“

MACBA Collection 31
MACBA – Museu D’Art Contemporani de Barcelona, Spanien
17.06.2016 – Juni 2017

Kunst im kurvenreichen Richard Meier Bau: Das MACBA in Barcelona
Kunst im kurvenreichen Richard Meier Bau: Das MACBA in Barcelona

Ein weißer Bau von Richard Meier, der sich kräftig von den umliegenden Gassen abhebt – so setzt das Museum für zeitgenössische Kunst in Barcelona schon architektonisch ein zeitgenössisches Ausrufezeichen (und bietet gleichzeitig auf dem Vorplatz reichlich Raum für ebenfalls sehr zeitgenössische Skater, denen man prima zuschauen kann). Aber hier soll es ja um das Innenleben gehen – also nichts wie rein!

Erfahrung, Zeit und Konflikt – das sind die drei Hauptthemen, mit denen sich die Ausstellung „MACBA Collection 31“ beschäftigt. Und dabei setzt man ausschließlich auf Werke aus der hauseigenen Sammlung. Motto: Die eigene Sammlung ist der Kern für die Identität eines Museums und bestimmt gleichzeitig dessen Fähigkeit, mit der Gegenwart zu korrespondieren, mit künstlerischen Positionen Fragen aufzuwerfen, manchmal auch Antworten, immer jedoch Denkanstöße zu geben. Und das gelingt: Über 80 Werke von 50 Künstlern aus fünf Jahrzehnten werden präsentiert und beleuchten auf vielfältige Weise grundlegende, teils archaische, immer aber auf eigene Art aktuelle Themen. Auf den Punkt bringt das zum Beispiel eine wunderbare Installation von Hans-Peter Feldmann, in der 100 Porträt-Fotografien chronologisch in einem Raum angeordnet sind. Jedes Foto zeigt ein anderes Familienmitglied, jedes steht für ein Lebensjahr. So betrachtet man Menschen im Alter von 0 bis 100 Jahren, verfolgt das Nebeneinander der Generationen und auch das grundsätzliche Älterwerden, die Vergänglichkeit, aber auch den Neuanfang. In der Mitte des Raumes steht ein Blumenstrauß in einer Vase und verwelkt langsam. Pathetisch? Vielleicht, aber wirksam. Ich habe mich lange in diesem Raum aufgehalten. Einen Eindruck der gesamten Ausstellung (auch des Feldmann-Raumes) kann man sich übrigens online verschaffen: Auf der MACBA-Website findet sich unter „Explore the exhibition at home “ ein Link zur virtuellen Tour (hier im Blog natürlich auch)! -MM

Kunstmuseum Gelsenkirchen

Kunstmuseum Gelsenkirchen
Dauerausstellung

Gelungene Kombination aus "alt" und "neu": das Museum Gelsenkirchen an der Horster Straße in Buer
Gelungene Kombination aus „alt“ und „neu“: das Museum Gelsenkirchen an der Horster Straße in Buer

Dass Gelsenkirchen einen Fußballclub hat, das weiß jedes Kind. Dass es dort aber auch ein wirklich tolles Museum gibt, das wissen scheinbar nur Wenige. Denn wann immer Marcus und ich in den letzten Jahren dort waren, gab es neben uns – wenn überhaupt – lediglich eine Handvoll anderer Besucher. Und das bei freiem Eintritt!
Das Kunstmuseum Gelsenkirchen ist ein städtisches Museum mitten im Zentrum von Gelsenkirchen-Buer, nur knapp 3 km entfernt von der Wirkungsstätte des legendären FC Schalke 04. Schon das Museumsgebäude selber ist spannend: eine stattliche alte Gründerzeitvilla, verbunden mit einem recht großen modernen Anbau im Stil der 80er. Geboten wird ein reichhaltiges Kunst-Potpourri von der klassischen Moderne bis hin zu Arbeiten aus jüngster Zeit. Hier ein paar Namen der ausgestellten Künstler: Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Emil Nolde, August Macke, Karl-Schmidt-Rottluff, Laszlo Moholy-Nagy, Victor Vasarely, Max Ernst, René Magritte, Emil Schumacher, Karel Appel, Hans Hartung, Ad Reinhardt, Andy Warhol, Heinrich Siepmann, Gerhard Richter, Konrad Klapheck, Carlos Cruz-Diez, Norbert Thomas und Udo Dziersk.
Zudem gibt es eine umfangreiche, wirklich wundervolle Sammlung Kinetischer Kunst! Die bekanntesten Vertreter hier sind sicherlich die Künstler der deutschen Gruppe ZERO – Günther Uecker, Heinz Mack und Otto Piene – sowie der Italiener Gianni Colombo. Nicht wenige der Werke sind elektrisch betrieben: sie ändern ihr Aussehen, ihre Farbe und/oder geben Geräusche von sich. Mein persönliches Highlight: ein Objekt des New Yorker Konzeptkünstlers David Fried – ein Tisch, auf dem sich Kugeln wie von Geisterhand lautlos fortbewegen. Versprochen: der Gang durch diesen Teil der Ausstellung ist wirklich alles andere als langweilig!
Übrigens: Sehenswert in Gelsenkirchen ist auch das Musiktheater Gelsenkirchen! Es zählt zu den herausragenden Bauten deutscher Nachkriegsarchitektur und beherbergt u.A. große monochrome Bildtafeln und Schwammreliefs von Yves Klein in strahlendem Ultramarinblau und zwei Mobiles von Jean Tinguely. -AEK

„Andreas Gursky: nicht abstrakt“

Andreas Gursky: nicht abstrakt
Andreas Gursky
K20 – Kunstsammlung NRW, Düsseldorf
02.07. – 06.11.2016

Interviewheft Andreas Gursky / Marion Ackermann
Sonnige Landschaft: Das für einen Euro zu habende Interview von Marion Ackermann mit Andreas Gursky zeigt auf dem Titel die aktuelle Arbeit „Les Mées“ (2016)

Neue Gursky-Arbeiten in Düsseldorf – das ist für Foto-Liebhaber und Freunde der Düsseldorfer Schule natürlich ein Muss. Und durchaus eine lohnende Sache, werden im K20 doch einige Arbeiten zum ersten Mal überhaupt präsentiert, die zudem eigens für diese Ausstellung und die entsprechende Raumsituation erstellt wurden. (Abstrakte?) Tulpenfelder, weite Hügel, die von Solarpanels überzogen sind, Warenlager in riesigen Formaten und all das begleitet (das gab’s bei Gursky auch noch nie) von einer Soundinstallation des Kanadiers Richie Hawtin (eine schöne zusätzliche Ebene zu den Bildern). Auch das Konzept, neben einem reinen „Gursky-Saal“ noch verschiedene seiner Fotografien in die Sammlungsräume des K20 zu integrieren und sie mit ganz unterschiedlichen Werken anderer Künstler in Dialog treten zu lassen, hat mir gut gefallen. Einziger Wehrmutstropfen: Ich hätte mir mehr Fläche gewünscht. Die Ausstellung ist toll, aber überschaubar. Und der Gedanke, weitere Fotografien in den großen Sälen im K20-Erdgeschoss zu sehen, wäre doch wirklich zu verlockend gewesen. -MM